Boulevard ist Boulevard

Zur Debatte um die Neuausrichtung der BLICK

Für die Probleme mit und um den Boulevard gibt es zwei Gründe:

Erstens: Man kann den Pelz nicht waschen ohne dass er nass wird…

Die Debatte verläuft wellenartig: Wer eine Boulevardzeitung herausgibt, der kann ihr nicht entrinnen. Das beginnt jeweils mit einem klassischen Boulevardkonzept und führt – wenn es gut umgesetzt wird – auch zum Erfolg beim Leser. Denn Boulevard heisst:

– Sex and Crime

– Vorurteile bestätigen

– Geschichten drechseln

– Personalisieren

– respektlos und politisch höchst unkorrekt sein.

Das Ziel heisst nämlich: gelesen werden – und zwar um jeden Preis.

Selbstverständlich ist es dem Herausgeber nicht wohl, wenn er mit dieser Mischung Geld verdient und in aller Regel dabei auch noch seine Freunde (im Rotary- oder Golfclub) vergrault. Und so wird die Redaktion zurückgepfiffen.

Jetzt folgt Phase zwei: Gescheite Verlags-Köpfe schlagen einen neuen Boulevard vor. Einer, der die Leser bei der Stange hält, dabei aber zugleich politisch korrekt und geschmackvoll bleibt. Und die Boulevard-Journalisten (in der Regel keine Schöngeister) sollen populäre, aber dennoch ausgewogene Blätter machen gerade so als ob man den Pelz waschen könnte ohne dass er nass wird.

Das geht immer schief. Und kostet viel Geld. Und so besinnt man sich – wenn die Auflage abgestürzt ist – auf die alten Rezepte, es wird geholzt und grob geschnitzt. Damit stieg – zumindest früher – die Auflage wieder, die Zahlen stimmten. Bis… ja, wir wissen’s: Bis dass den Verleger erneut das schlechte Gewissen plagt. Und der Kreislauf beginnt von neuem.

Zweitens: Heute ist alles Boulevard

Doch dieses alte Rezept, nach dem das Blick-Süppchen jetzt gekocht wird, muss nicht (mehr) zum Erfolg führen. Denn längst sind alle Medien Boulevardmedien geworden, wenn man die (strengen) Massstäbe von früher anlegt: Das Fernsehen (seit Schellenberg) nach eigenem Bekunden, die Zeitschriften (mit der Personalisierung); die Sonntagszeitungen sind Boulevardblätter und sogar in den Regionen wird personalisiert und farbig geschrieben, dass es eine wahre Freude ist.

Und nun?

Jetzt bleibt dem Blick eigentlich nur ein Weg: Den der englischen Tabloids, welche täglich die nach unten offene Geschmacksgrenze erweitern. Das kann und will kein Schweizer machen und so werden wohl bald Söldner aus den Stammlanden des Boulevards bei uns einziehen. Und nach der klassischen Schlagzeile des Boulevards suchen, wie wir sie einst in der Ringier – Journalistenschule von einem Lehrer (war es Kari Lüönd?) als Zitat aus der Bild-Redaktion präsentiert bekamen: „Deutscher Schäferhund leckt Brigitte Bardot Brustkrebs weg.“

2 Kommentare zu “Boulevard ist Boulevard

  1. „Das kann und will kein Schweizer machen“: Das würde ich nach den aktuellen Ausrutschern (Fall GC, Fall „Sado-Maso“) bezweifeln. Der Blick ist auf bestem Weg, das Niveau der englischen Tabloids in die Schweiz zu tragen.

  2. Ich gehe ziemlich einig mit dem Satz „Heute ist alles Boulevard“. Nicht einverstanden bin ich hingegen mit dem angeblichen Zwang, dass wer eine gute, unterhaltende Zeitung herausgibt, automatisch die unterste Schublade öffnen muss. Es heisst nicht, dass wer keinen falschen Respekt vor irgendwelchen heiligen Kühen zeigt, dazu gezwungen ist, alle Richtlinien zu missachten. Es ist innerhalb dieser Richtlinien sehr viel möglich – das aber aus den verschiedensten Gründen nicht gemacht wird.

    Wenn der Blick nun einen Weg einschlagen will, der haufenweise unschuldige Opfer fordert, die per Zufall in eine Geschichte geraten, dann wird er erneut scheitern. Sowas schätzt der Leser nicht – wer daran zweifelt, kann ja mal die Kommentare zur SM-Story auf blick.ch durchlesen.

    Das grösste Problem des Blick ist, dass man ihm die schlechte Laune, mit dem er produziert wird, anmerkt.

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