In der NZZ von morgen Dienstag: Ein kritischer Blick in die wissenschaftliche Studien zum Zustand und zur Zukunft der Schweizer Medien

Man könnte es klarer sagen

Ein kritischer Blick in wissenschaftliche Studien zum Zustand und zur Zukunft der Schweizer Medien

Mehrere wissenschaftliche Studien befassen sich im Auftrag des Bundesrats mit der Zukunft der Schweizer Medien. Die Werke sagen manches über den Zustand der Medien – und über die hiesige Medienforschung aus.

Norbert Neininger-Schwarz

Es begann, wie viele politische Prozesse, ganz unspektakulär, nämlich mit dem am 12. Juni 2009 eingereichten Postulat 09.3629 des Schaffhauser SP-Nationalrats Hans-Jürg Fehr. Darin hiess es unter dem Titel «Pressevielfalt sichern»: «Der Bundesrat erstattet den eidgenössischen Räten innert Jahresfrist Bericht über die Lage der Presse in der Schweiz und deren Zukunftsaussichten.» Zwei Monate später empfahl der Bundesrat Annahme des Postulats, fand freundlicheWorte für die Medien (er sei «sich der zentralen Bedeutung der Medien und insbesondere der Presse für die demokratische Willensbildung bewusst») und war bereit, mit Unterstützung durch externe Institute dem Parlament im Jahr 2010 einen Bericht über die Lage der Presse in der Schweiz und deren Zukunftsaussichten vorzulegen.

Der Auftrag ging ans Bundesamt für Kommunikation, dieses wiederum gab die Arbeit an Medienwissenschafter weiter, und am 4. Februar dieses Jahres wurden sechs Studien auf 700 Seiten zur «Zukunft der Medien in der Schweiz» präsentiert. Ursache des Vorstosses von Fehr (und weiterer) ist die auch in den Studien festgestellte Tatsache, dass die Pressekonzentration zugenommen hat.

Nachdem sich der Bundesrat, das Bakom und die Medienwissenschafter anfänglich Zeit gelassen hatten, musste es nun schnell gehen: Der Bundesrat will den Bericht noch vor diesen Sommerferien behandeln.

Bestätigung des Vorurteils

Die Arbeiten der Medienwissenschafter sind unter http://www.bakom.admin.ch einsehbar. Über ihre Resultate wurde bereits hinreichend diskutiert, nicht aber über die Methode, welche zu diesen Resultaten führte und auch nicht über Sätze wie: «Das Parlament fungiert demnach als deliberativer Kern.»

Die Studien gehen davon aus und untermauern dann diese Thesen, dass die Auflagen der Tageszeitungen weiter abnehmen, die Nutzer- und Werbemarktanteile der elektronischen Medien, des Internets und crossmedialer Angebote hingegen zunehmen werden.

Sie vermuten und stellen fest, dass die Qualität der Schweizer Medien schlecht sei und noch schlechter werde, womit das Vorurteil der Medienwissenschafter bestätigt wäre. Und sie kommen zum Schluss, dass die zur Demokratie nötigen Medien ohne staatliche Hilfe nicht überleben können und werden. Die Arbeiten öffnen also die Tür für Förderungsmassnahmen, seien sie strukturell oder – wie die Linke fordert – direkt.

Wir wollen nicht ungerecht sein: Vieles, was in den Studien steht, ist unbestritten; wo sie sich mit der Vergangenheit beschäftigen oder Fakten sammeln, sind sie weitgehend hilfreich. Bei jeder Messung – und hier wird über weite Strecken die Qualität der Medien gemessen – ist aber der angelegte Massstab entscheidend, oder anders gesagt: Ein falscher Massstab ergibt zwar richtige Messungen, aber liefert dennoch falsche Resultate.

Ihren Massstab schildern die Medienwissenschafter selber so: «Es lassen sich dabei zwei Standpunkte unterscheiden: Einerseits wird argumentiert, Qualität könne nicht objektiv gemessen werden, sondern beziehe sich immer auf den Bewertungsmassstab bestimmter Zielgruppen bzw., marketingorientiert verstanden, auf den Bewertungsmassstab der Erfolgsorientierung bestimmter Medienmarken . . . Anderseits wird angemerkt, es brauche Medienqualität, um eine politische Öffentlichkeit im demokratischen Verständnis zu garantieren … Gewichtiges Argument bleibt, dass das Ziel des journalistischen Handelns gelingende gesellschaftliche Kommunikation ist… Letztere Perspektive wird hier vertreten, denn die Sicherung gesellschaftlicher Funktionen kann erst im Ensemble aller Qualitätsdimensionen gelingen. Weil mediale Kommunikation ein ‹Merkmal für den Prozess öffentlicher Kommunikation›. . . ist, setzt sie ein Verständnis von medial hergestellter Öffentlichkeit und ihren gesellschaftlichen Funktionen voraus.»

Wer aber seine Bewertungsgrundlagen derart schwammig und gleichzeitig pseudopräzise formuliert, kann keine gültige Beurteilung vornehmen. Die Definition von Qualität strotzt von unpräzisen Begriffen, und es wird auch nicht gesagt, wie das fundamentale «Verständnis medial hergestellter Öffentlichkeit» aussehen soll. Damit ist schon der Ansatz gescheitert.

Schwer verständlich

Experten bedienen sich oft einer eigenen, für andere schwer verständlichen Sprache. Dies erwarten wir gerade von Medienwissenschaftern nicht – im Gegenteil: Sie sollen, wie dies Schopenhauer forderte, schon ihren Studenten zuliebe gewöhnliche Worte brauchen und ungewöhnliche Dinge sagen. Wer Journalisten mangelnde Qualität vorwirft, darf sich bei der Sprache keine Blösse geben. Wer aber Redaktionen mit solchen Texten angreift, erntet höchstens Spott: «Die Analyse der Akteursresonanz und der Meinungsvielfalt in exemplarischen Berichterstattungsketten zur Libyen-Affäre und zur Gesundheitsreform zeigen Mechanismen eines Newsjournalismus, der auf aktuelle Ereignisse und Konflikte ausgerichtet ist und überwiegend episodische, also nicht einordnende Beiträge hervorbringt.» Das heisst wohl: Über die Libyen-Affäre und die Gesundheitsreform wurden mehr Nachrichten als Hintergrundberichte publiziert.

Handelt es sich hier um böswillig ausgewählte und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate? Nein, sie sind durchaus typisch. Zum angelegten Qualitätsmassstab heisst es beispielsweise: «Im Regelkreise demokratischer Selbststeuerung muss die öffentliche Kommunikation erstens ein Forum bilden, in dem Probleme entdeckt und debattiert werden können. Zweitens muss die öffentliche Kommunikation die Legitimation von Macht und Verfahren sicherstellen. Und schliesslich muss die öffentliche Kommunikation drittens erlauben, dass sich die Gesellschaft selbst und ihre Gemeinschaften wechselseitig wahrnehmen können.»

Wer den Definitionen nachgeht, stösst auf eine Art Matrjoschka, unter jeder Definition steckt eine weitere, und am Schluss bleibt ein klitzekleiner Kern übrig. Machen wir die Probe: Was, beispielsweise, ist Öffentlichkeit? «Öffentlichkeit ist eine intermediäre Sphäre moderner Gesellschaften, deren Funktion in der Aufnahme (Input) und Verarbeitung (Throughput) bestimmter Themen und Meinungen sowie in der Vermittlung der aus dieser Verarbeitung entstehenden öffentlichen Meinung (Output) . . . an die Bürger . . . besteht.»

Irgendwo kommen die Wissenschafter dann zum Kern: «Das Erkenntnisinteresse dieses Forschungsprojektes lässt sich auf die Frage fokussieren, wie es in der Schweiz auf nationaler sowie regionaler Ebene um die Medien- und Meinungsvielfalt steht.» Und: «Inwiefern tatsächlich Widersprüche zwischen publizistischen Ansprüchen der Demokratie und der ökonomischen Imperativen der Marktwirtschaft entstehen, wird in diesem Projekt empirisch geprüft.»

Es geht also, auf gut Deutsch, um die Spannung zwischen Geld und Geist, zwischen Gemeinsinn und Profitabilität. Und auch darum, welche Medien der freie Wettbewerb schafft. Zum Glück für die Wissenschafter sind die Schweizer nicht in der Lage, die Qualität der Medien selber zu beurteilen: «Die Resultate sind insofern bedeutsam, als dass deutlich wird, dass es für das normale Medienpublikum unmöglich ist, Meinungsvielfalt adäquat zu beurteilen. Vielmehr bedarf es der systematischen Erhebung seitens der Wissenschaft. . .»

Auch für Voraussagen – und seien sie noch so unspektakulär – braucht der Bundesrat die Medienwissenschaft. Die wagt folgende Prognose: «Mit Blick auf die Presse sind bei knappen Ressourcen eine Intensivierung der Konzentrationsprozesse und eine Ausweitung der Mantelzeitungs- und Kopfblattsysteme zu erwarten. Bei den Pressetypen leidet insbesondere die Abonnementspresse unter dem Einbruch vonAuflagezahlen, Reichweiten und Werbeeinnahmen.»

Zwar stimmt Letzteres bereits nicht mehr, und so gilt ganz generell, was in der Studie zu den Auswirkungen des Internets einführend gesagt wurde: «Die folgenden Ausführungen stellen deshalb eine Momentaufnahme dar, die bald von der Realität überholt werden dürfte.»

«Die Berichterstattung kennzeichnet sich neu durch Personalisierung, aber auch durch weitere Aufmerksamkeit erregende Logiken der Privatisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung.» Dies ist eines der Resultate des «Forschungsinteresses» – alles andere hätte uns sehr gewundert, schliesslich hat die Imhof’sche Medienwissenschaftsschule uns dies in jüngster Zeit mantramässig vorgetragen.

Die Quellen der Studien sind im übrigen nicht üppig. So heisst es einmal dazu: «Insgesamt wurden 26 Zeitungen für die Strukturanalyse berücksichtigt. Bei 21 Tageszeitungen wurden je fünf Ausgaben untersucht.» Und: «Ebenfalls befragt wurden Politikerinnen . . . insgesamt wurden 30 politische Personen befragt.» Oder «Insgesamt wurden 16 Politikerinnen und Politiker zur Situation der Medien in ihrer Region befragt» Diese durften dann – selbstverständlich anonym – und ohne nachzuprüfende Fakten Urteile und Einschätzungen abgeben, die übernommen werden.

Zurückhaltung angebracht

Nun sollen die Studien ja über die Zukunft der Medien Auskunft geben, ihre Autoren warnen uns aber klugerweise vor ihren eigenen Resultaten: «Bei der Interpretation und der Einschätzung der Reichweite von Prognosen im Folgenden ist daher ein gewisses Mass an Zurückhaltung und Reflexion angebracht.» Dies gilt, wie der aufmerksame Leser feststellt, nicht nur für die «Einschätzung und Reichweite von Prognosen».

«Autoregressiv bedeutet, dass die Ausprägung einer Variablen durch deren Ausprägung zu einem früheren Zeitpunkt (mit)bestimmt wird. Ein ARProzess erster Ordnung – AR(1) – besagt, dass die Beobachtung zum Zeitpunkt t von der Beobachtung zum Zeitpunkt t–1 abhängt. Als Beispiel hierfür kann zum Beispiel die Laune einer Person zum Tag t dienen, die von der Laune des Vortages derselben Person abhängt.» Diese kleine Methodenlektion (zur Zeitreihenanalyse) nehmen wir gerne zur Kenntnis, verstimmt werden wir selber erst, wenn die Fakten nicht stimmen. Für die Medienwissenschaft mag es unerheblich sein, die Schaffhauser aber legen Wert darauf, dass ihr Kanton nicht – wie behauptet 30, sondern 27 Gemeinden hat.

Aber vielleicht trifft ja für die Medienwissenschafter zu, was sie von den Journalisten behaupten: «Obwohl kaum einer der Befragten eine fundierte Ausbildung in der Internetrecherche und explizit für den Gebrauch von Google erhalten haben, ist auch hier zu beobachten, dass die Wenigsten an ihrem eigenen Können zweifeln.»

 

 

 

Lektüre der Sonntagszeitungen, hier die Titelseiten, Rest folgt morgen. Nur der Sonntagsblick und die Südostschweiz am Sonntag fangen nicht mit der Kernkraftdebatte an…

Sonntag

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen: Alle sind für den Libyen-Einsatz, fast alle (Ausnahme NZZ am Sonntag) gegen die weitere Nutzung der Kernenergie. Und: Werden Sushi-Bars überleben?/Guttenberg entschuldigt sich bei der NZZ am Sonntag…

NZZ am Sonntag:

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Auf dünnem Eis, Leitartikel aus den Schaffhauser Nachrichten

VON NORBERT NEININGER

Immer leben wir Menschen – bildhaft gesprochen – auf mehr oder weniger dünnem Eis, absolute Sicherheit gibt es für nichts und niemanden. Das wird uns dieser Tage aufs Deutlichste bewusst. Noch ist die arabische Welt im Umbruch, noch ist das Ausmass der Katastrophe in Japan nicht abzusehen, und schon gedenkt der Westen, in den Krieg gegen Libyen zu ziehen. Und als ob das nicht der Verunsicherung genug wäre, sind die Finanz- und die Eurokrise keineswegs bewältigt. Auch das Erdbeben und der darauf- folgende Tsunami in Japan haben uns vor Augen geführt, dass die Natur nicht beherrschbar ist, die leckgeschlagenen Kernkraftwerksanlagen zeigen, dass das auch für die Technik gilt. Natürlich hätte es dieser Ereignisse eigentlich nicht bedurft, um darauf aufmerksam zu werden, dass Naturgewalten unbezähmbar sind und alles, was Menschen schaffen, auch versagen kann. Und so ist es nur durch unsere Vergesslichkeit und Fähigkeit zur Verdrängung zu erklären, dass Katastrophen – hervorgerufen durch Naturgewalten oder Technikversagen oder, wie jetzt in Japan, durch die Kombination von beidem – uns jedes Mal überraschen und aufs Neue verunsichern.

Natürlich ist das Ausmass der japanischen Katastrophe ungewöhnlich gross, und die Folgen sind ungewiss. Vor allem aber staunen wir darüber, dass (auch von Journalisten) erst jetzt Fragen gestellt werden, die eigentlich auf der Hand lagen. Warum, so lautet die wohl wesentlichste, baute man Kernkraftwerke an einem Ort, der sowohl durch Erdverschiebung als auch durch darauf folgende Tsunamis gefährdet ist? Ganz offensichtlich halten die Anlagen solchen Kräften nicht stand. Und verblüfft nehmen wir zur Kenntnis, wie verblüfft die Fachleute selber sind. Tausende, ja Zehntausende von Menschen fielen der Naturkatastrophe zum Opfer, das Leid der Hinterbliebenen wird überlagert von der weltweiten Sorge über die Havarie der Kraftwerke und die Folgen für die japanische Bevölkerung und uns alle. Unausweichlich stellt sich jetzt die Frage, ob wir auch andernorts – etwa in der Schweiz – mit dem Feuer spielen und unverantwortlich handeln, wenn wir weitere Kernkraftwerke bauen und die existierenden weiter betreiben. Es ist im Moment, angesichts der Schreckensmeldungen und -bilder aus Japan, nicht die Zeit für abwägende Debatten. Das spüren, wie immer, die Politiker zuerst. Sie sind, vor allem in Wahlzeiten, empfänglich für Stimmungen, und man hat Verständnis dafür, dass jetzt die Parteien von links bis rechts erklären, man habe gar nie wirklich auf Kernkraft gesetzt. In solchen Zeiten muss man eigene Überzeugungen in Frage stellen. Es ist aber andrerseits (noch) nicht der Zeitpunkt für langfristige Strategien, zu aufgeregt und emotional wird derzeit argumentiert. Es wird erst später möglich sein, Chancen und Risiken in aller Ruhe abzuwägen. Jetzt wie später aber steht fest, dass wir in allen modernen Volkswirtschaften auf Wachstum angewiesen sind und Wachstum ohne ausreichende Energieversorgung nicht möglich ist. Bis alternative, erneuerbare Energiequellen in genügendem Masse erschlossen sind, wird man auf Kernkraftwerke – die man jetzt noch einmal sicherer machen muss – angewiesen sein. Die Abhängigkeit vom Öl, das erfahren wir jetzt auch, ist keineswegs problemlos. Auf viele der Öl fördernden Länder ist wenig Verlass; Unruhen haben manche von ihnen erfasst, und eine Reihe von Regimewechseln dürfte bevorstehen. Was in Tunesien und Ägypten offenbar einigermassen friedlich abgelaufen ist, führte nun in Libyen zu einem Bürgerkrieg, und wir stehen vor dem Angriff einer westlichen Koalition auf Ghadhafis Regime – mit Sanktion der Arabischen Liga und der UNO. Niemand kann voraussagen, wie dieser verlaufen wird; die Gefahr eines grösseren Konflikts vor der europäischen und unserer eigenen Tür kann nicht ausgeschlossen werden. Was soll der Westen tun, wenn Bürgerkriege im Iran oder in anderen von Despoten beherrschten Staaten in Arabien ausbrechen? Und wie überwin-det man die Kluft zwischen jenen europäischen Staaten, welche sich an den militärischen Einsätzen beteiligen werden, und den anderen, beispielsweise Deutschland? Die Krise ist dreifach: Das Erdbeben hat Japan schwer getroffen, die Havarie der Kernkraftwerke führt zu einer weltweiten Verunsicherung, und in Libyen könnte auf den Bürgerkrieg ein Krieg des Westens gegen Ghadhafis Armee folgen. Und das alles trifft uns in einer Zeit der wirtschaftlichen Instabilität. Die Folgen der Katastrophe in Japan und der Umwälzungen in Arabien werden die Situation verschärfen. Wir lebten, keine Frage, schon in besseren Zeiten. Oder anders gesagt: Wir tanzten schon auf dickerem Eis.

 

Luxemburg, Präsidientreffen…

Jedes Jahr treffen sich die Präsidien der deutschsprachigen Medien- (vormals Zeitungsverleger-) Verbände: Luxemburg, Österreich, Deutschland und Schweiz. Diesmal in Luxemburg, wo zwei Tage über die wesentlichen Branchenthemen nachgedacht wird; Experten ergänzen die Runde.