Leitartikel zum 1. August… Ende eines schönen Traums

Norbert Neininger zum 1. August

Die Holzscheite sind aufgeschichtet, die Reden geschrieben, und die Festbänke stehen bereit. Doch die Vorfreude auf den Feiertag will sich diesmal nicht so richtig einstellen: In kurzer Zeit hat Verunsicherung die Zuversicht im Lande verdrängt, die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise werden jetzt spürbar. Was als sicher galt – der Arbeitsplatz, die Rente –, ist nicht mehr garantiert, mehr noch: Der Glaube an stetiges Wachstum erwies sich als ebenso naiv wie das Vertrauen in die «unsichtbare Hand» des freien Marktes (Adam Smith). Wir erlebten in den letzten Monaten vielmehr den Kollaps dieses Konzeptes und beobachteten, wie der von den Liberalisierungsturbos als Wohlstandsbremse verunglimpfte Staat nun die Banken und Unternehmen retten sollte. Viele haben, die Mehrheit der Journalisten nicht ausgenommen, an eine lange, wenn nicht gar immerwährende Wachstumsphase geglaubt; wer daran zweifelte und vor den Folgen des ungezügelten Profitstrebens warnte, galt in den letzten Jahren als unliberal; wer darauf hinwies, dass die Marktwirtschaft auch sozial sein muss und Freiheit ohne Verantwortung letztlich in die Unfreiheit führt, wurde der Wolkenschieberei bezichtigt. Nicht nur die Finanzwelt tanzte ums goldene Kalb, und es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass allein die anderen gierig waren. Auf die bejubelte Globalisierung des Wohlstandes folgt nun die Globalisierung des Katzenjammers. Milliarden und Abermilliarden pumpen die Staaten in ein System, das dadurch nicht gesünder wird.  

Nein, die Schweiz blieb nicht – wie einige Politiker und Publizisten vorausgesagt hatten – von der weltweiten Krise verschont, obwohl die unabhängige Notenbank und die eigene Währung die Finanzkrise mildern helfen. Gleichzeitig darf man feststellen, dass sich unser Land im internationalen Vergleich nach wie vor als Wohlstandsinsel und höchst attraktives Ziel für Arbeitskräfte und ihre Familien aus aller Welt erweist. Mit den – vor dem Abschwung vereinbarten – bilateralen Verträgen kommen auch gutausgebildete Arbeitnehmer in die Schweiz, und die Einheimischen sind einem harten Wettbewerb ausgesetzt. Hier helfen nur noch bessere Ausbildung, noch mehr Engagement und, notfalls, Korrekturmassnahmen. 
Wir sind aus einem schönen Traum erwacht, auf das unkritisch nachgebetete «Yes we can» folgt jetzt das «Yes we must»: In den nächsten Monaten dürften die Arbeitslosenzahlen steigen, die Löhne werden sinken, und die Verunsicherung wird wachsen. Die Privathaushalte, die Unternehmen und der Staat werden sparen und sich auf das Wichtigste konzentrieren müssen. Das ist zwar unbequem, aber es ist auch unvermeidlich. Und es zwingt uns, das Wesentliche zu erkennen: Im Grunde wollen alle Menschen das gleiche, sie wollen sicher und geborgen und nach ihren eigenen Vorstellungen leben, über ihr Schicksal weitestgehend selbst bestimmen können und gleichzeitig einer solidarischen Gemeinschaft angehören. Wer diese Grundbedürfnisse missachtet, wird hierzulande auf Dauer ohne Gefolgschaft bleiben. Die Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer sind jetzt offensichtlich: Die Verrohung der Gesellschaft, die Entsolidarisierung und die Tendenzen vieler Politiker und Wirtschaftsführer zur Aufgabe des «Schweizer Standpunktes» (Spitteler) werden beklagt. Die Schweizerinnen und Schweizer sind und bleiben im Kern weltoffen und tolerant – sie wollen aber auch ihre über Jahrhunderte entwickelten Traditionen und Umgangsregeln bewahren und dulden die Selbstauflösung ihres Staates nicht, weder durch ungebremste Zuwanderung noch durch das Verschwinden in einer konturlosen Staatengemeinschaft.  
Wir neigen dazu, Trends zu überschätzen. Wir haben die Nachhaltigkeit der Hochkonjunkturphase überschätzt, und wir überschätzen nun hoffentlich das Ausmass und die Dauer der Krise. Jetzt sind kühle Köpfe in Wirtschaft und Politik gefragt, Gelassenheit ist für alle das Gebot der Stunde. Den Lauf der Welt kann die kleine Schweiz, bei all ihrer wirtschaftlichen Potenz, ohnehin nicht bestimmen. Das Konzert der Grossmächte dirigieren andere. Dies wurde den Schweizern im Laufe ihrer Geschichte wohl bewusst: Mit grossem Geschick und der Gunst des Schicksals ist es immerhin gelungen, die Neutralität und die Unabhängigkeit des Landes bis heute zu bewahren und ein von der Weltgemeinschaft respektiertes Staatsgebilde aufzubauen. Überlassen wir das Loblied auf die direkte Demokratie und den (noch) einzigartigen Gemeinschaftssinn der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes den 1.-August-Rednern. Hören wir ihnen aufmerksam zu, wenn sie den Föderalismus und das Subsidiaritätsprinzip beschwören. Und applaudieren wir jenen besonders herzlich, die dafür eintreten, dass die Schweiz gerade in diesen Zeiten ihre ureigenen Interessen vertritt und an ihrer Unabhängigkeit unbeirrbar festhält.

Trouvaillen aus den Sonntagszeitungen oder „Fremde Straftäter ausweisen wirkt…“

Das muss man mehrfach lesen, um es wirklich geniessen zu können...

Das muss man mehrfach lesen, um es wirklich geniessen zu können...

Für einmal keine eigentliche Blattkritik sondern sondern eine Sammlung von Merkwürdigkeiten aus den heute erschienen Sonntagszeitungen, beginnen wir mit der schönsten Trouvaille des Tages (aus der Sonntags Zeitung): „Fermde Straftäter ausweisen wirkt. Studie zeigt: Sie werden in der Schweiz seltener rückfällig als solche, die bleiben dürfen.“

Frank A. Meyer (über den Ringier-Chef Christian Unger sagte: „Ein Journalist, mittlerweile pensioniert, der in Berlin lebt“) sagte über die „Weltwoche“, sie sei ein „rechtsradikales Sektenblatt.“

Frank A. Meyer im Magazin des Blicks...

Frank A. Meyer im Magazin des Blicks...

 

Und einmal mehr beschäftigt sich Blick-Kolumnist Meyer mit der SVP. Und deren Mitglieder – und vor allem Präsident Brunner – genügen den meyerschen intellektuellen Ansprüchen bei weitem nicht. Also bekommt Toni Brunner die ganze Schärfe des ach so Gebildeten zu spüren. Der Berliner Grossbürger von Ringiers Gnaden gibt dem tumben Toren aus dem Toggenburg Nachhilfeunterricht und erklärt ihm das Wort „Chuzpe.“ Grossbüger Meyer erteilt Nachhilfeunterricht...Und weil wir schon beim „Blick“ sind: Seine Leser – also wir alle – werden uns an die Germanismen gewöhnen müssen, „nackig“ haben wir schon gelesen, nun kommt „Randale“ dazu.

Germanismen...im Blick

Germanismen...im Blick

 

Wir ehrlich sind eigentlich Politiker? Dazu zwei Beispiele: Frau Sommaruga hat – wie sie öffentlich eingestehen musste – ausländischen Pharmaproduzenten unter anderem unterstellt, sie zahlten in der Schweiz keine Steuern. Und was sagt sie dazu dem „Blick“?

Sommaruga...

Sommaruga...

Sie sagt, ihre Aussage hätte „präzisiert“ werden müssen. Was aber wird aus einer falschen Aussage, die man präzisiert? Beispiel zwei: FDP-Präsident Pelli wird von der NZZ am Sonntag gefragt, ob er für den Bundesrat kandidieren wolle und werde. Und was sagt Pelli? Er sagt: „Ich weiss nur, dass ich selber nicht Kandidat zu sein wünsche.“ Nun, dann müsste er einfach „Nein“ sagen.

Pelli

Pelli

 

 

FAZ

FAZ

 

Und noch das Korrigendum des Tages – und zwar aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Und dann entdecke ich noch einen neuen Begriff („Trauerarbeit“ kannte ich schon): Erinnerungsarbeit. Wir wärs mit „Denkarbeit“?

Erinnerungsarbeit - hmmm...

Erinnerungsarbeit - hmmm...

 

 

 

 

 


Vordergasse 58… die wöchentlich Kolumne

Keine Frage, dass die sogenannte Schweinegrippe sich schnell ausbreitet und auch viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser zwingen wird, sich ins Bett zu legen. Die gute Nachricht dabei: Die Grippe verläuft, nach allem, was man bis anhin beobachtet hat, ziemlich harmlos. Die schlechte: Es gibt für die Betroffenen – wie bei jeder Grippe – ein paar höchst unangenehme Tage. Wer dazu Näheres wissen will, dem sei die Sendung «SN-TV» am Schaffhauser Fernsehen empfohlen (heute abend um 19.30 Uhr). Erwin Künzi hat Kantonsarzt Jürg Häggi zum Thema interviewt.

Der Schaffhauser Erich Schlatter – wir berichteten – sitzt im spanischen Valencia im Gefängnis, weil er im Verdacht steht, einen Schweizer getötet zu haben, der ihn besuchte. Am kommenden Montag nun soll aufgrund der dann vorliegenden Beweise entschieden werden, ob gegen Schlatter Anklage erhoben wird und ob er dann weiter in Haft bleibt. Der (unfreiwillig) scheidende Porsche-Chef Wendelin Wiedeking bekommt eine Abfindung von 50 Millionen Euro (etwa 75 Millionen Franken). Diese Prämie rundet ein exorbitantes Salär ab, das Wiedeking über Jahre bezog. Und was macht der Manager angesichts der Tatsache, dass solche Zahlungen sowohl unverhältnismässig als auch empörend sind? Nun, er spendet 25 Millionen Euro, davon 1,5 Millionen an Organisationen, welche notleidende Journalisten unterstützen. Man merkt die Absicht – ist man aber auch verstimmt? Wir werden sehen … Wochenlang hatten sie uns vor einer Schweinegrippepandemie gewarnt, jetzt, da sie ausbricht, sind die Verantwortlichen – darunter der Krisenstabschef – in den Ferien (siehe SN von gestern). Da staunt der Laie, und der Kranke wundert sich … N. N. (neininger@shn.ch)

Die Pandemie ist da, der Krisenstab-Chef weilt (auch) in den Ferien…

Wenn sich Journalisten – oder andere – über den Verlauf der Schweinegrippe und die Prävention ins Bild setzen wollen, erfahren sie, dass die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit die Sache nicht so eng sehen: Sie weilen in den Ferien. Auch der Chef des Pandemie-Krisenstabes gönnt sich eine sicherlich wohl verdiente Ruhepause, nachdem er die ganze Schweiz über Monate auf die Pandemie eingestimmt hat. Dazu unser Artikel heute in den „Schaffhauser Nachrichten“:

BERN Die Schweinegrippe beschäftigt derzeit die Bevölkerung. In der Schweiz wurden mittlerweile weit über 200 Personen von dem Virus infiziert. Auch im Kanton Schaffhausen sind kürzlich die ersten Fälle bekanntgeworden. Die Stimmung pendelt zwischen Hysterie und Gelassenheit. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und den Verantwortlichen überwiegt offensichtlich die nüchterne Betrachtungsweise. So sind zwei der national wichtigsten Entscheidungsträger derzeit abwesend: Thomas Zeltner, Chef des BAG, und Pascal Strupler, Generalsekretär des Eidgenössischen Departementes des Inneren (EDI) sowie Chef des Pandemie-Krisenstabes, weilen zurzeit in den Ferien. Dies bestätigten gestern die Pressesprecher des BAG, Jean-Louis Zürcher, und des EDI, Ariane Geiser. Strupler sei aber via E-Mail und Handy in engem Kontakt mit Bern, versicherte Geiser. Auf diese Weise sei der Informationsfluss jederzeit gewährleistet. Alle Mitglieder des Krisenstabes hätten ausserdem einen Stellvertreter, und dies bereits seit einigen Wochen, betonte sie. Es bleibt zu hoffen, dass die Zuständigen ihrerseits keine Schweinegrippeerreger nach Hause bringen. (sj)

Googles Antwort an die Verleger oder Diebstahl ist und bleibt verboten

Die Antwort vom Google-Chef (Senior Product Manager) Josh Cohen auf die „Hamburger Erklärung“ der weltweiten Verlegergemeinschaft (hier der Link zur Google-Website) zeugt vom ungetrübten Selbstbewusstsein des Konzerns. Die Verleger, so schreibt Cohen unter anderem, könnten ja jederzeit dafür sorgen, das ihre Inhalte auf Google nicht angezeigt würden. Dazu könne man ja wie von Google offeriert das Robots Exclusion Protocol REP benutzen.

Was Google hier – einmal mehr  vorschlägt ist gerade so wie wenn beispielsweise Warenhäuser verpflichtet würden, eine (genau normierte) Tafel am Eingang anzubringen, auf der steht: „Diebstahl ist bei uns verboten.“ Wer das nicht macht, der darf dann straffrei bestohlen werden. Das ist aber eine absurde Vorstellung: Diebstahl ist und bleibt verboten, Tafel hin oder her!

Und auch Google muss das Copyright beachten – unabhängig davon, ob die Crawl-Sperre verwendet wird oder nicht.

N.N.

Die Rückkehr der Vernunft, Burda vs. Google

Auch die deutschen Verleger fordern nun die Befreiung von der Mehrwertsteuer. Und Hubert Burda geht noch weiter: In einem Interview mit dem Manager-Magazin verlangt er einen angemessenen Anteil an den Werbeeinnahmen von Google

Auszüge aus dem Artikel: „Die marktbeherrschende Suchmaschine, sagt Burda, liefere „rund die Hälfte des Traffics der journalistischen Websites“ und verwalte „in Deutschland über ein Drittel der Werbeumsätze im Netz – und all das, ohne selbst in teuren Journalismus zu investieren“. „Das Leistungsschutzrecht“, fordert Burda, sollte deshalb „im Sinne einer größeren Transparenz weiter gefasst werden als bisher geplant und in einen rechtlichen Kontext gebracht werden, der jedem Marktteilnehmer einen Fair Share gibt“.

Vordergasse 58, die wöchentliche SN-Kolumne

Der Schaffhauser Erich Schlatter sorgt nach seiner Verhaftung auch für Schlagzeilen in den nationalen Presse; die „Weltwoche“ berichtet über das teilweise seltsame Verhältnis der Journalisten des Schweizer Fernsehens zum aus Schaffhausen entflohenen Schlatter, der sich in Spanien in Untersuchungshaft befindet. Fairerweise zitieren die Kollegen bei ihren Berichten die „Schaffhauser Nachrichten“ als Quelle. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.    

Die Verleger verteidigen – endlich – ihre Rechte gegen die Suchmaschine Google. So sollen die Copyrightsbestimmungen auch im Internet angewendet und ausgebaut werden. Dagegen wehrt sich Google, was keinen wundert, beruht das Geschäfstmodell des Konzerns doch auf der Missachtung des Urheberrechts und der deutsche Verleger Hubert Burda stellt dazu die passende Frage: „Können wir es weiter akzeptieren, wenn andere kommerzielle Anbieter aus unseren Angeboten und damit von unserem originären journalistischen Handwerk einen größeren wirtschaftlichen Nutzen ziehen, als wir selbst es tun.“

Glücklich hat letztlich die abenteuerliche Reise 57jährigen Schweizers geendet, der ein halbes Jahr von Entführern im Maghreb festgehalten worden war. Die Entführer gehören zur Terrororganisation al Kaida und hatten eine englische Mitgeisel enthauptet. Und was nun auf die Freilassung folgt, ist mehr als typisch schweizerisch: es geht nun nicht um die Frage des Terrorismus oder der Umstädnde der Befreiung sondern um die Frage, wer die Kosten für die Aktion  bezahlen soll. Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) spricht von 300’000 Franken, Experten reden vom mehrfachen Betrag.

Was für ein Sommer! Regenperioden, Hitzephasen (Beispiel vorgestern) und Gewitter, wie wir sie in dieser Heftigkeit schon lange nicht mehr erlebten (Beispiel Mittwoch).  Wer wegfuhr, verpasst Schweizer Natur pur. Und der „Blick“ kommentiert: Das Sommerwetter befindet sich derzeit auf einer Berg- und Talfahrt.“