Leitartikel zum 1. August… Ende eines schönen Traums

Norbert Neininger zum 1. August

Die Holzscheite sind aufgeschichtet, die Reden geschrieben, und die Festbänke stehen bereit. Doch die Vorfreude auf den Feiertag will sich diesmal nicht so richtig einstellen: In kurzer Zeit hat Verunsicherung die Zuversicht im Lande verdrängt, die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise werden jetzt spürbar. Was als sicher galt – der Arbeitsplatz, die Rente –, ist nicht mehr garantiert, mehr noch: Der Glaube an stetiges Wachstum erwies sich als ebenso naiv wie das Vertrauen in die «unsichtbare Hand» des freien Marktes (Adam Smith). Wir erlebten in den letzten Monaten vielmehr den Kollaps dieses Konzeptes und beobachteten, wie der von den Liberalisierungsturbos als Wohlstandsbremse verunglimpfte Staat nun die Banken und Unternehmen retten sollte. Viele haben, die Mehrheit der Journalisten nicht ausgenommen, an eine lange, wenn nicht gar immerwährende Wachstumsphase geglaubt; wer daran zweifelte und vor den Folgen des ungezügelten Profitstrebens warnte, galt in den letzten Jahren als unliberal; wer darauf hinwies, dass die Marktwirtschaft auch sozial sein muss und Freiheit ohne Verantwortung letztlich in die Unfreiheit führt, wurde der Wolkenschieberei bezichtigt. Nicht nur die Finanzwelt tanzte ums goldene Kalb, und es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass allein die anderen gierig waren. Auf die bejubelte Globalisierung des Wohlstandes folgt nun die Globalisierung des Katzenjammers. Milliarden und Abermilliarden pumpen die Staaten in ein System, das dadurch nicht gesünder wird.  

Nein, die Schweiz blieb nicht – wie einige Politiker und Publizisten vorausgesagt hatten – von der weltweiten Krise verschont, obwohl die unabhängige Notenbank und die eigene Währung die Finanzkrise mildern helfen. Gleichzeitig darf man feststellen, dass sich unser Land im internationalen Vergleich nach wie vor als Wohlstandsinsel und höchst attraktives Ziel für Arbeitskräfte und ihre Familien aus aller Welt erweist. Mit den – vor dem Abschwung vereinbarten – bilateralen Verträgen kommen auch gutausgebildete Arbeitnehmer in die Schweiz, und die Einheimischen sind einem harten Wettbewerb ausgesetzt. Hier helfen nur noch bessere Ausbildung, noch mehr Engagement und, notfalls, Korrekturmassnahmen. 
Wir sind aus einem schönen Traum erwacht, auf das unkritisch nachgebetete «Yes we can» folgt jetzt das «Yes we must»: In den nächsten Monaten dürften die Arbeitslosenzahlen steigen, die Löhne werden sinken, und die Verunsicherung wird wachsen. Die Privathaushalte, die Unternehmen und der Staat werden sparen und sich auf das Wichtigste konzentrieren müssen. Das ist zwar unbequem, aber es ist auch unvermeidlich. Und es zwingt uns, das Wesentliche zu erkennen: Im Grunde wollen alle Menschen das gleiche, sie wollen sicher und geborgen und nach ihren eigenen Vorstellungen leben, über ihr Schicksal weitestgehend selbst bestimmen können und gleichzeitig einer solidarischen Gemeinschaft angehören. Wer diese Grundbedürfnisse missachtet, wird hierzulande auf Dauer ohne Gefolgschaft bleiben. Die Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer sind jetzt offensichtlich: Die Verrohung der Gesellschaft, die Entsolidarisierung und die Tendenzen vieler Politiker und Wirtschaftsführer zur Aufgabe des «Schweizer Standpunktes» (Spitteler) werden beklagt. Die Schweizerinnen und Schweizer sind und bleiben im Kern weltoffen und tolerant – sie wollen aber auch ihre über Jahrhunderte entwickelten Traditionen und Umgangsregeln bewahren und dulden die Selbstauflösung ihres Staates nicht, weder durch ungebremste Zuwanderung noch durch das Verschwinden in einer konturlosen Staatengemeinschaft.  
Wir neigen dazu, Trends zu überschätzen. Wir haben die Nachhaltigkeit der Hochkonjunkturphase überschätzt, und wir überschätzen nun hoffentlich das Ausmass und die Dauer der Krise. Jetzt sind kühle Köpfe in Wirtschaft und Politik gefragt, Gelassenheit ist für alle das Gebot der Stunde. Den Lauf der Welt kann die kleine Schweiz, bei all ihrer wirtschaftlichen Potenz, ohnehin nicht bestimmen. Das Konzert der Grossmächte dirigieren andere. Dies wurde den Schweizern im Laufe ihrer Geschichte wohl bewusst: Mit grossem Geschick und der Gunst des Schicksals ist es immerhin gelungen, die Neutralität und die Unabhängigkeit des Landes bis heute zu bewahren und ein von der Weltgemeinschaft respektiertes Staatsgebilde aufzubauen. Überlassen wir das Loblied auf die direkte Demokratie und den (noch) einzigartigen Gemeinschaftssinn der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes den 1.-August-Rednern. Hören wir ihnen aufmerksam zu, wenn sie den Föderalismus und das Subsidiaritätsprinzip beschwören. Und applaudieren wir jenen besonders herzlich, die dafür eintreten, dass die Schweiz gerade in diesen Zeiten ihre ureigenen Interessen vertritt und an ihrer Unabhängigkeit unbeirrbar festhält.

Trouvaillen aus den Sonntagszeitungen oder „Fremde Straftäter ausweisen wirkt…“

Das muss man mehrfach lesen, um es wirklich geniessen zu können...

Das muss man mehrfach lesen, um es wirklich geniessen zu können...

Für einmal keine eigentliche Blattkritik sondern sondern eine Sammlung von Merkwürdigkeiten aus den heute erschienen Sonntagszeitungen, beginnen wir mit der schönsten Trouvaille des Tages (aus der Sonntags Zeitung): „Fermde Straftäter ausweisen wirkt. Studie zeigt: Sie werden in der Schweiz seltener rückfällig als solche, die bleiben dürfen.“

Frank A. Meyer (über den Ringier-Chef Christian Unger sagte: „Ein Journalist, mittlerweile pensioniert, der in Berlin lebt“) sagte über die „Weltwoche“, sie sei ein „rechtsradikales Sektenblatt.“

Frank A. Meyer im Magazin des Blicks...

Frank A. Meyer im Magazin des Blicks...

 

Und einmal mehr beschäftigt sich Blick-Kolumnist Meyer mit der SVP. Und deren Mitglieder – und vor allem Präsident Brunner – genügen den meyerschen intellektuellen Ansprüchen bei weitem nicht. Also bekommt Toni Brunner die ganze Schärfe des ach so Gebildeten zu spüren. Der Berliner Grossbürger von Ringiers Gnaden gibt dem tumben Toren aus dem Toggenburg Nachhilfeunterricht und erklärt ihm das Wort „Chuzpe.“ Grossbüger Meyer erteilt Nachhilfeunterricht...Und weil wir schon beim „Blick“ sind: Seine Leser – also wir alle – werden uns an die Germanismen gewöhnen müssen, „nackig“ haben wir schon gelesen, nun kommt „Randale“ dazu.

Germanismen...im Blick

Germanismen...im Blick

 

Wir ehrlich sind eigentlich Politiker? Dazu zwei Beispiele: Frau Sommaruga hat – wie sie öffentlich eingestehen musste – ausländischen Pharmaproduzenten unter anderem unterstellt, sie zahlten in der Schweiz keine Steuern. Und was sagt sie dazu dem „Blick“?

Sommaruga...

Sommaruga...

Sie sagt, ihre Aussage hätte „präzisiert“ werden müssen. Was aber wird aus einer falschen Aussage, die man präzisiert? Beispiel zwei: FDP-Präsident Pelli wird von der NZZ am Sonntag gefragt, ob er für den Bundesrat kandidieren wolle und werde. Und was sagt Pelli? Er sagt: „Ich weiss nur, dass ich selber nicht Kandidat zu sein wünsche.“ Nun, dann müsste er einfach „Nein“ sagen.

Pelli

Pelli

 

 

FAZ

FAZ

 

Und noch das Korrigendum des Tages – und zwar aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Und dann entdecke ich noch einen neuen Begriff („Trauerarbeit“ kannte ich schon): Erinnerungsarbeit. Wir wärs mit „Denkarbeit“?

Erinnerungsarbeit - hmmm...

Erinnerungsarbeit - hmmm...

 

 

 

 

 


Vordergasse 58… die wöchentlich Kolumne

Keine Frage, dass die sogenannte Schweinegrippe sich schnell ausbreitet und auch viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser zwingen wird, sich ins Bett zu legen. Die gute Nachricht dabei: Die Grippe verläuft, nach allem, was man bis anhin beobachtet hat, ziemlich harmlos. Die schlechte: Es gibt für die Betroffenen – wie bei jeder Grippe – ein paar höchst unangenehme Tage. Wer dazu Näheres wissen will, dem sei die Sendung «SN-TV» am Schaffhauser Fernsehen empfohlen (heute abend um 19.30 Uhr). Erwin Künzi hat Kantonsarzt Jürg Häggi zum Thema interviewt.

Der Schaffhauser Erich Schlatter – wir berichteten – sitzt im spanischen Valencia im Gefängnis, weil er im Verdacht steht, einen Schweizer getötet zu haben, der ihn besuchte. Am kommenden Montag nun soll aufgrund der dann vorliegenden Beweise entschieden werden, ob gegen Schlatter Anklage erhoben wird und ob er dann weiter in Haft bleibt. Der (unfreiwillig) scheidende Porsche-Chef Wendelin Wiedeking bekommt eine Abfindung von 50 Millionen Euro (etwa 75 Millionen Franken). Diese Prämie rundet ein exorbitantes Salär ab, das Wiedeking über Jahre bezog. Und was macht der Manager angesichts der Tatsache, dass solche Zahlungen sowohl unverhältnismässig als auch empörend sind? Nun, er spendet 25 Millionen Euro, davon 1,5 Millionen an Organisationen, welche notleidende Journalisten unterstützen. Man merkt die Absicht – ist man aber auch verstimmt? Wir werden sehen … Wochenlang hatten sie uns vor einer Schweinegrippepandemie gewarnt, jetzt, da sie ausbricht, sind die Verantwortlichen – darunter der Krisenstabschef – in den Ferien (siehe SN von gestern). Da staunt der Laie, und der Kranke wundert sich … N. N. (neininger@shn.ch)

Die Pandemie ist da, der Krisenstab-Chef weilt (auch) in den Ferien…

Wenn sich Journalisten – oder andere – über den Verlauf der Schweinegrippe und die Prävention ins Bild setzen wollen, erfahren sie, dass die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit die Sache nicht so eng sehen: Sie weilen in den Ferien. Auch der Chef des Pandemie-Krisenstabes gönnt sich eine sicherlich wohl verdiente Ruhepause, nachdem er die ganze Schweiz über Monate auf die Pandemie eingestimmt hat. Dazu unser Artikel heute in den „Schaffhauser Nachrichten“:

BERN Die Schweinegrippe beschäftigt derzeit die Bevölkerung. In der Schweiz wurden mittlerweile weit über 200 Personen von dem Virus infiziert. Auch im Kanton Schaffhausen sind kürzlich die ersten Fälle bekanntgeworden. Die Stimmung pendelt zwischen Hysterie und Gelassenheit. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und den Verantwortlichen überwiegt offensichtlich die nüchterne Betrachtungsweise. So sind zwei der national wichtigsten Entscheidungsträger derzeit abwesend: Thomas Zeltner, Chef des BAG, und Pascal Strupler, Generalsekretär des Eidgenössischen Departementes des Inneren (EDI) sowie Chef des Pandemie-Krisenstabes, weilen zurzeit in den Ferien. Dies bestätigten gestern die Pressesprecher des BAG, Jean-Louis Zürcher, und des EDI, Ariane Geiser. Strupler sei aber via E-Mail und Handy in engem Kontakt mit Bern, versicherte Geiser. Auf diese Weise sei der Informationsfluss jederzeit gewährleistet. Alle Mitglieder des Krisenstabes hätten ausserdem einen Stellvertreter, und dies bereits seit einigen Wochen, betonte sie. Es bleibt zu hoffen, dass die Zuständigen ihrerseits keine Schweinegrippeerreger nach Hause bringen. (sj)

Googles Antwort an die Verleger oder Diebstahl ist und bleibt verboten

Die Antwort vom Google-Chef (Senior Product Manager) Josh Cohen auf die „Hamburger Erklärung“ der weltweiten Verlegergemeinschaft (hier der Link zur Google-Website) zeugt vom ungetrübten Selbstbewusstsein des Konzerns. Die Verleger, so schreibt Cohen unter anderem, könnten ja jederzeit dafür sorgen, das ihre Inhalte auf Google nicht angezeigt würden. Dazu könne man ja wie von Google offeriert das Robots Exclusion Protocol REP benutzen.

Was Google hier – einmal mehr  vorschlägt ist gerade so wie wenn beispielsweise Warenhäuser verpflichtet würden, eine (genau normierte) Tafel am Eingang anzubringen, auf der steht: „Diebstahl ist bei uns verboten.“ Wer das nicht macht, der darf dann straffrei bestohlen werden. Das ist aber eine absurde Vorstellung: Diebstahl ist und bleibt verboten, Tafel hin oder her!

Und auch Google muss das Copyright beachten – unabhängig davon, ob die Crawl-Sperre verwendet wird oder nicht.

N.N.

Die Rückkehr der Vernunft, Burda vs. Google

Auch die deutschen Verleger fordern nun die Befreiung von der Mehrwertsteuer. Und Hubert Burda geht noch weiter: In einem Interview mit dem Manager-Magazin verlangt er einen angemessenen Anteil an den Werbeeinnahmen von Google

Auszüge aus dem Artikel: „Die marktbeherrschende Suchmaschine, sagt Burda, liefere „rund die Hälfte des Traffics der journalistischen Websites“ und verwalte „in Deutschland über ein Drittel der Werbeumsätze im Netz – und all das, ohne selbst in teuren Journalismus zu investieren“. „Das Leistungsschutzrecht“, fordert Burda, sollte deshalb „im Sinne einer größeren Transparenz weiter gefasst werden als bisher geplant und in einen rechtlichen Kontext gebracht werden, der jedem Marktteilnehmer einen Fair Share gibt“.

Vordergasse 58, die wöchentliche SN-Kolumne

Der Schaffhauser Erich Schlatter sorgt nach seiner Verhaftung auch für Schlagzeilen in den nationalen Presse; die „Weltwoche“ berichtet über das teilweise seltsame Verhältnis der Journalisten des Schweizer Fernsehens zum aus Schaffhausen entflohenen Schlatter, der sich in Spanien in Untersuchungshaft befindet. Fairerweise zitieren die Kollegen bei ihren Berichten die „Schaffhauser Nachrichten“ als Quelle. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.    

Die Verleger verteidigen – endlich – ihre Rechte gegen die Suchmaschine Google. So sollen die Copyrightsbestimmungen auch im Internet angewendet und ausgebaut werden. Dagegen wehrt sich Google, was keinen wundert, beruht das Geschäfstmodell des Konzerns doch auf der Missachtung des Urheberrechts und der deutsche Verleger Hubert Burda stellt dazu die passende Frage: „Können wir es weiter akzeptieren, wenn andere kommerzielle Anbieter aus unseren Angeboten und damit von unserem originären journalistischen Handwerk einen größeren wirtschaftlichen Nutzen ziehen, als wir selbst es tun.“

Glücklich hat letztlich die abenteuerliche Reise 57jährigen Schweizers geendet, der ein halbes Jahr von Entführern im Maghreb festgehalten worden war. Die Entführer gehören zur Terrororganisation al Kaida und hatten eine englische Mitgeisel enthauptet. Und was nun auf die Freilassung folgt, ist mehr als typisch schweizerisch: es geht nun nicht um die Frage des Terrorismus oder der Umstädnde der Befreiung sondern um die Frage, wer die Kosten für die Aktion  bezahlen soll. Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) spricht von 300’000 Franken, Experten reden vom mehrfachen Betrag.

Was für ein Sommer! Regenperioden, Hitzephasen (Beispiel vorgestern) und Gewitter, wie wir sie in dieser Heftigkeit schon lange nicht mehr erlebten (Beispiel Mittwoch).  Wer wegfuhr, verpasst Schweizer Natur pur. Und der „Blick“ kommentiert: Das Sommerwetter befindet sich derzeit auf einer Berg- und Talfahrt.“

Was darf Journalismus?

Was darf Journalismus? Darf man eine solche Karikatur einer Bundesrätin publizieren? Und darf man – darüber hinaus – in einem Artikel über die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den jeweiligen Departementen Bundesrat Moritz Leuenberger loben mit der Begründung, er habe zufriedene Mitarbeiter. Und dies, man höre und staune, weil er die Leitung seines Departements nicht selber wahrnehme.

Hier nun die Darstellung aus der „Sonntagszeitung“.

Was eigentlich darf Journalismus?

Was eigentlich darf Journalismus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann noch dieses aus der Abteilung Klischee: Immer mehr Journalisten verwenden die Sprachhülse „immer mehr.“ 

Immer mehr? Muss das wirklich sein?

Immer mehr? Muss das wirklich sein?

In der NZZ von heute Freitag: Die Antwort an Rainer Stadler

In vielem sind wir uns für einmal einig: Wenn Rainer Stadler in seinem bemerkenswerten Leitartikel einen vom «Grossraum Zürich» ausgehenden «aggressiven Kommerzjournalismus»  oder die «fatale Gratiskultur» mancher Medienhäuser beklagt, so wird ihm niemand ernsthaft widersprechen wollen. Und selbstverständlich braucht es die vom Redaktor verlangte Bereitschaft, anders als nur gewinnorientiert zu denken, und wir haben auch die «neuen (nicht nur auf Werbeeinnahmen zielenden) Geschäftsmodelle» nötig, welche – wer denn wohl sonst? – die Verleger nun selber entwickeln müssen. Dabei, wohl wahr, kann der Staat nicht wirklich helfen. In diesen Feldern muss die Branche ihre Verantwortung wahrnehmen und handeln, denn: Nur wenn alle  Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kann und soll subsidiär der Staat eingreifen. Dann muss er wie im «Medienpolitischen Manifest» gefordert, bessere Rahmenbedingungen für die einheimischen Medienunternehmen und, dies vor allem, für die Presse und den unabhängigen und auch sonst der Qualität verpflichteten Journalismus schaffen.

Gegen diese indirekte Förderung argumentiert – und hier scheiden sich die Geister aufs deutlichste – die NZZ. Die Unterstützung der Zeitungs- und Zeitschriftenzustellung und die Mehrwertsteuerbefreiung (so die Kernforderungen des Verbandes) kämen selbstverständlich allen zugute, die «publizistische Medienleistungen» (aus dem Verleger-Manifest) erbringen. Das ist für die Gegner zu wenig ein- und abgrenzend, ja geradezu ein «Gummibegriff». Indirekte Förderung hilft in der Tat der ganzen Branche und damit allen gleichermassen, direkte Förderung hingegen setzte Massstäbe voraus, nach denen die Unterstützung ausgerichtet würde. Einer gouvernementalen Qualitätskontrolle, wie wir sie jetzt bei den staatlich konzessionierten und alimentierten Radio- und Fernsehstationen erdulden, wollte und will sich aber eine überwiegende Mehrheit der Verleger nicht aussetzen, ihr höchstes Gut ist und bleibt die Unabhängigkeit vom Staat und also die Freiheit, auch wenn «der Preis dieser Freiheit die Giesskanne ist», wie Stadler treffend bemerkt.

Keine Frage: Die Politikerinnen und Politiker haben jetzt keine leichte Aufgabe. Bereits beim Hearing einer Verlegerdelegation vor der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates – welche Fördermassnahmen anstossen kann – wurde klar, dass die enormen Konjunktur- und Strukturprobleme und deren Auswirkungen (noch?) nicht allen bewusst sind. Sagen wir es deshalb deutsch und deutlich: Der «Bannwald der Demokratie» wird derzeit wie nie zuvor ausgedünnt. Noch aber scheint darüber Einigkeit zu herrschen, dass die föderalistische Schweiz föderalistische Medienstrukturen und eigenständige regionale Medien braucht, deren Redaktionen die politische Debatte fördern und deren Inhaber ihre Verantwortung – nicht nur für ihre Unternehmen, sondern darüber hinaus auch für die Gemeinschaft – auch in diesen Zeiten wahrnehmen können.  In unserer direkten Demokratie, wo wir auch bei der Gestaltung unserer nächsten Umgebung mitbestimmen können, braucht der Bürger mehr Informations- und Meinungsangebote als andernorts. Versiegen diese Quellen, gehen Wahl- und Stimmbeteiligung zurück, entfernen sich Bürger und Staat voneinander.

Was aber der Gemeinschaft in hohem Masse nützt, hat bessere Rahmenbedingungen verdient – darauf wird man sich über alle Parteigrenzen hinweg wohl einigen können. Über die Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen dürfte aber debattiert werden. Die Linke wird ihre Forderungen nach einem Medien-Verfassungsartikel erneuern, und man kann auch davon ausgehen, dass vielen Parlamentariern das Schicksal ihrer regionalen Medien ganz besonders am Herzen liegt und darüber hinaus eine asymmetrische Förderung – mehr Geld für die Kleinen – breite Unterstützung findet.

Will man den langwierigen Debatten ausweichen und schnell handeln – was das Gebot der Stunde wäre –, kann man sich zurückbesinnen und zuerst die Kürzung der Beiträge an die Distribution von 80 auf 20 Millionen Franken rückgängig machen, eine Massnahme, die in der Vergangenheit (wir erinnern uns) zu keinerlei medienpolitischen Problemen führte.

Damit sind Rainer Stadlers Bedenken gegen unser «Medienpolitisches Manifest» kaum umfassend entkräftet; vielleicht stimmen wir mit ihm und der NZZ wenigstens darin überein, dass die indirekte Presseförderung die schlechteste aller Massnahmen ist mit Ausnahme aller anderen.

Norbert Neininger

„Der entfernte Gully…“

Eine wunderschöne Geschichte - nur: was heisst denn nun der Schluss?  

 

 

Eine wunderschöne Geschichte - nur: was heisst denn nun der Schluss?

 

Vielleicht haben wir bis anhin gar nicht gewusst, was ein Gully ist. Wikipedia kann helfen...

Vielleicht haben wir bis anhin gar nicht gewusst, was ein Gully ist. Wikipedia kann helfen…

 

Hmmm?

Hmmm?

 

 

Und zum Schluss noch ein Beispiel für die publizistische Hochkultur...

Und zum Schluss noch ein Beispiel für die publizistische Hochkultur…

Und dann wurde ich doch noch geholfen… (Verena Pooth)

Wie versprochen: Folge zwei der Swisscom-Helpdesk-Geschichte.

Montagmorgen, die Swisscom ruft, wie versprochen, zurück. Ein wiederum freundliche Dame erklärt, dass im Laufe des Mittwochs eine Techniker bei uns zu Hause vorbei schauen könne, um den Telefon- und Internetanschluss wieder in Gang zu bringen. Wann am Mittwoch? Das könne man nicht genau sagen, man werde eine Viertelstunde vor Eintreffen des Technikers avisiert, müsse sich also während eines „Zeitfensters“ von fünf Stunden zur Verfügung halten.

Das will ich nicht akzeptieren – seit Samstag funktionieren Internet und Telefon nicht, Mittwoch ist mir zu spät. Das gehe nicht anders. Das müsse anders gehen, schliesslich könne und wolle ich nicht so lange auf den Anschluss verzichten.

Die Dame gibt schliesslich nach und will irgendwo „zurückfragen“. Neuer Bescheid: Also gut, heute Montag zwischen 14 Uhr und 17 Uhr, Reaktionszeit eine Viertelstunde. Inzwischen bin schon froh,  dass es so geht, richte meinen Nachmittag darauf ein, dass ich auf Abruf zu Hause sein muss. Kurz vor vier meldet sich der Techniker: Er sei bald bei mir zu Hause, ich bin dann nach zehn Minuten auch da.

Der Mann ist schnell und kompetent und findet nach wenigen Minuten den Fehler: eine falsche Steckverbindung. Und hebt dann auch – ohne Probleme – die Nummerumleitung auf.

Fazit: 

1. Übers Wochenende gibts von der Swisscom für Privatkunden (wie es im Vertrag steht) keine Hilfe;

2. Es kann danach auch noch Tage dauern bis ein Techniker vorbei kommt (Vorschlag in meinem Fall: Mittwoch);

3. Man muss sich auf Abruf (Reaktionszeit 15 Minuten) während mehrerer Stunden bereit Halten;

4. Die beiden Damen am Helpdesk (und vor allem der Techniker) waren freundlich und kompetent, die Vorschriften haben sie nicht erfunden;

5. Wenn man – freundlich aber bestimmt – beharrt, kommt man weiter;

PS: Die SMS vom Helpdesk sind skurril. Am Sonntagmorgen (11 Uhr 20) und nachdem mir erklärt wurde, dass vor anfangs Woche gar nichts geht, bekomme ich eine SMS folgenden Wortlauts: „Seit 11 Uhr 20 arbeiten wir daran, Ihre Störung zu beheben.“ Stimmt schlicht nicht.

Und am Montagabend, viereinhalb Stunden nachdem wieder alles lief, kommt dann noch folgende SMS: „Die Störung ist behoben. Ihr Anschluss funktioniert wieder. Falls nicht, rufen Sie uns unter 0800800800 an.“

Blattkritik einmal anders, heute die NZZ am Sonntag

Die NZZ am Sonntag sorgte heute für spannende Lektüre, bot eigenständige Kommentare (zum Fall Tinner), hatte die beste Reportage zur Jugendgewalt (weil sie Jugendliche direkt befragte) und bot mit den Berichten zum Cisalpino und der UBS faktenreichen Hintergrund. Hier die Blattkritik anhand von Ausschnitten:

NZZaS-Blattkritik: Titelbild

NZZaS-Blattkritik: Titelbild

Guter Start auf der Titelseite mit den Hinweisen zum Hayek-Interview (Optimismus muss sein)

NZZaS-Blattkritik: Wirtschaft, UBS

NZZaS-Blattkritik: Wirtschaft, UBS

 

Bester Hintergrund zur UBS auf einer Doppelseite

 

 

NZZaS-Blattkritik: Cisalpino

NZZaS-Blattkritik: Cisalpino

Exklusiv: Die Cisalpino-Geschichte.

 

 

 

 

 

 

 

NZZaS-Blattkritik: Reportage

NZZaS-Blattkritik: Reportage

 

Endlich: Jugendliche selber befragt.

 

 

 

 

 

 

 

Blattkritik-NZZaS: China

Blattkritik-NZZaS: China

 

Und dann doch noch Mainstream: Über den Konflikt in China zwischen Chinesen und Uiguren nichts Eigenständigen

Blattkritik

Blattkritik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blattkritik, Achten Sonntag

Blattkritik, Achten Sonntag

 

Peter Achten hingegen liefert (im Sonntag) eine ausgewogene Betrachtung

Blattkritik

Blattkritik

 

Im Wissenschaftsteil überrascht das Blatt mit einer Aufsehen erregenden These

Blattkritik

Blattkritik

 

*Blechlawine“? Bitte nie mehr

Blattkritik

Blattkritik

 

Es gibt faule Kompromisse. Gibt es auch einen „faulen Frieden“?

 

 

 

 

Blattkritik

Blattkritik

 

Richtig – aber wollten wir das wissen?

 

 

 


 

 

Blattkritik

Blattkritik

 

 

 

 

 

 

Die NZZ am Sonntag steht im Fall Tinner hinter dem Bundesrat

 

 

 

Blattkritik

Blattkritik

 

 

 

 

Wussten wirs doch: Das Fernsehen ist links.

 

 

 

 

 

 

Blattkritik

 

Blattkritik Wunderbar: „Einst hatte die Freiheit Räder….

Blattkritik

Blattkritik

 

 

Jost Auf der Maur verabschiedet sich – leider – von der NZZ.

 

 

Blattkritik

Blattkritik

 

„Sauer?Blattkritik

Blattkritik

Phrasendrescher der Woche…

Blattkritik

Blattkritik

 

Phrase I

 

 

 

 

 

 

 

Blattkritik

Blattkriti

Blattkritik

Blattkritik

 

Und dann noch – zum Trost – eine Meldung aus der FAZ am SonntagNZZ am Sonntag - Blattkritik

NZZ am Sonntag – Blattkritik

Sonntags nie – oder die Unterhaltung mit dem Helpdesk

Irgendwann am Samstagnachmittag fielen Telefon- und Internet aus. Am Sonntagmorgen gegen elf dann der Anruf bei der Swisscom:

0800800800: Sprache, Telefonnummer, Problemidentifikation – alles automatisch, nur: Ausfall von Telefon und Internet zugleich ist nicht vorgesehen. Dann der Hinweis: Wir behalten uns das Recht vor, diesen Anruf… aufzuzeichnen. Und eine durchaus hilfsbereite und freundliche Dame nimmt sich des Problems an.

Nachdem wir beide dann herausgefunden haben, dass die Swisscom-Leitung ins Haus – warum auch immer – nicht steht, beginnt eine interessante Unterhaltung, denn: Am Wochenende gibt es bei Swisscom niemanden, der den Kunden helfen kann.

Hier nun die (ungefähre) Zusammenfassung des Gesprächs:

Frage: Das bedeutet also, dass die Swisscom von Freitagabend bis Montagmorgen keinen Kundendienst betreibt?

Ja, es gibt niemanden, der sich ums Sie kümmern kann. Die Techniker kommen am Montagmorgen wieder und schauen sich dann die Meldungen an und gehen den Problemen nach. Das steht auch so in Ihrem Vertrag.

Frage: Noch einmal: Was auch immer passiert, die Swisscom-Kunden werden am Wochenende nicht unterstützt?

Also es ist so: bei Firmenkunden sieht das anders aus. Es wäre aber zu teuer für Sie und andere Privatkunden, wenn wir wegen jeder Störung jemanden schicken würden.

Frage: Nein, es wäre zu teuer für Sie, wenn der Fehler bei Ihnen liegt, oder?

Nun, wenn mehrere Anschlüsse oder ein mehrere Quartiere ohne Verbindung sind, dann reagieren wir schon, dann können wir die Serviceleute zu Hause anrufen. Aber nicht in einem Einzelfall. Tut mir leid.

Frage: Nun bin ich ja zugleich Firmenkunde…

Das ist eine andere Geschichte, auf diesem Anschluss sind Sie Privatkunde.

Frage: Wann am Montag nehmen Sie sich dann des Problems an?

So schnell wie möglich, wann genau kann ich nicht sagen. Aber ich kann Ihre Anrufe umleiten auf Ihr Natel.

Frage: Ja, dann tun Sie da doch.

Das mache ich gern. Dann bekommen Sie zuerst eine Gutschrift von 10 Franken, weil diese Umleitung ja kostet. Sollten Sie dann auf der Rechnung sehen, dass diese 10 Franken nicht gereicht haben, müssen Sie uns das melden und wir schreiben den restlichen Betrag auch noch gut. Die Umleitung müssen Sie, sobald Ihr Anschluss wieder funktioniert, selber rausnehmen…

Frage: Können Sie das nicht machen? Sie wissen ja, wann das wieder in Ordnung ist.

Nein, das macht eine andere Abteilung, wir sind im Büro und die sind in der Technik.

Frage: Dann habe ich eine Anregung: Schlagen Sie doch bitte vor, dass Sie das künftig firmenintern lösen und die Umleitung ohne Kundenzutun rausnehmen, sobald die Leitung wieder funktioniert. Das wäre doch eine gute Sache, nicht wahr?

Das kann ich intern ja vorschlagen.

Nun bin ich auf den Montagmorgen gespannt.

(Da die Swisscom sich das Recht vorbehält, solche Gespäche aufzuzeichnen, behalte ich mir das natürlich auch vor.)

Beispielhaft – und darum relevant: Der Fall E. S. und die Medien

Natürlich sind die Vorkommnisse in China wichtiger für das Weltgeschehen, natürlich interessieren wir uns auch für den G8-Gipfel und die Folgen des Russland-Besuchs des amerikanischen Präsidenten. Das alles – und noch mehr – ist in den „Schaffhauser Nachrichten“ nachzulesen. Dies aber auch: Die Geschichte des Schaffhauser Erich Schlatter, der (auch) eine Geschichte der Journalisten und Redaktionen ist, die ihn darstellten oder es mindestens versuchten. Wir publizieren heute wie angekündigt ein Dossier zum Falls E. S., der auch ein Lehrstück für Journalisten ist. In diesem Dossier verlinken wir auch auf den Server des Schweizer Fernsehens, wo der zweite DOK-Film über Erich Schlatter noch immer zugänglich ist. Auch dieser Film ist erhellend, zeigt er doch wie der DOK-Reporter und die zuständige Redaktion mit dem heiklen Thema umgegangen ist. Dabei war das Fernsehen gewarnt gewesen: Man hatte nach der Ausstrahlung des ersten DOK-Filmes aus Schaffhausen darauf hingewiesen, dass es sich bei Herrn Schlatter um einen Menschen handelt, der behutsam behandelt werden müsste und der in ausserordentlich Zustände geraten kann, die für andere gefährlich werden können und auch schon wurden.

Skurril aber auch ein ein Artikel im „Tages Anzeiger“, wo Maurice Thiriet die unglaubliche Frage stellt: „Schweizer Fernsehen an Tötung mitschuldig?“. Aus diesem Artikel zitieren wir diese Passage, die an Merkwürdigkeit schwer zu überbieten sein drüfte: „… das Transkript des «Fortsetzung folgt»-Beitrags, in den der «Reporter»-Film integriert ist, zeigt, dass die Gefährlichkeit Schlatters nach journalistischen Kriterien korrekt gewichtet worden ist. Im insgesamt 41 Minuten dauernden Beitrag hatten Forensiker, Beamte und Opfer Schlatters insgesamt 4 Minuten und 40 Sekunden Sendezeit, um dessen Gewaltpotenzial zu thematisieren. Der Psychiater Schlatters und zwei Freunde, die Schlatter für harmlos erklären, erhielten 3 Minuten und 10 Sekunden Redezeit.“

Aha, so geht das! Da hilft nur noch das Zitat aus dem alten Juristenwitz, wo der Verteidiger so plädiert: „Die Anklage hat einen Zeugen präsentiert, der gesehen hat, dass mein Mandant eine Uhr gestohlen hat. Ich werde Ihnen, sehr geehrtes Gericht, Tausend Zeugen präsentieren, die das nicht gesehen haben.“

PS: Der Film über E.S. wurde – entgegen den Angaben des Fernsehens nicht vom Server entfernt.

Naivität im Journalismus

Der Fall des Schaffhausers Erich Schlatter, der in Valencia in Untersuchungshaft sitzt weil er verdächtigt wird, den Tod eines Mannes verschuldet zu haben, ist auch ein Lehrstück über fehlende journalistische Distanz und die mangelnde Wahrung der guten Sitten in unserem Metier. Darin verwickelt – unter anderem – das Schweizer Fernsehen und (ganz am Rand) mindestens ein zweiter Journalist.  Wir publizieren in den „Schaffhauser Nachrichten“ von morgen Mittwoch Auszüge aus dem Email-Verkehr, zwischen Erich Schlatter und seinen Helfern in der Schweiz, darunter auch der Reporter des Schweizer Fernsehen, Christian Lipp. Diese Dokumente der Hilflosigkeit des psychisch schwer kranken Mannes zeigen, wie verwirrt Erich Schlatter war und ist. Sie zeigen aber auch, dass Lipp und ein Kollege der NZZ auf dem Grat zwischen journalistischer Unabhängigkeit und Parteinnahme ausglitten.   

Für viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser war der Film des Schweizer Fernsehens über den kranken Mann, der als Stadtoriginal dargestellt wurde, ein Beispiel für  vorgefassten Journalismus. Die Filmemacher hatten ganz offensichtlich ihre Meinung über Schlatter und Schaffhausen bereits gefasst, als sie die dazu passenden Fakten zu suchen begannen. Es war die Geschichte eines unbequemen Zeitgenossen zu erzählen, der von einer untoleranten kleinbürgerlichen Stadt abgelehnt, diffamiert und weggesperrt wurde. Dass Erich Schlatter derart verwirrt war und ist, dass er Menschen schwere Körperverletzungen zufügte und jegliche Hilfe oder Betreuungsversuche scheiterten, wurde nicht gebührend erwähnt, da dies nicht zur These gepasst hätte. Man konnten diesen DOK-Film und auch die Folgedokumentation als Missbrauch eines kranken Mannes zwecks Verunglimpfung vieler Schaffhauserinnen und Schaffhauser empfinden. 

Die Folgedokumentation wurde übrigens publiziert, obwohl die zuständige Redaktion auf Grund zahlreicher Reaktionen aus Schaffhausen eigentlich gewusst haben musste, dass man Herrn Schlatter nicht dadurch gerecht werden kann, dass man ihn erneut einem Millionenpublikum vorführt.

TV-Reporter Lipp lief in unglaublicher Naivität in die selbstgestellte Falle: Er versuchte, Schlatter unter Aufgabe der journalistischen Distanz, zu helfen, sandte Geld, das offenbar beim Schweizer Fernsehen eingegangen war… bis ihm die Sache selber dann zu viel wurde und schrieb, er „verstehe überhaupt nicht, warum Du ausgerechnet Leute anpinkelst, die Dir noch wohl gesonnen sind.“

Auch in unserer Dokumentation belegt: ein Kollege, der für die NZZ arbeitet, schreibt an Schlatter: „Ich könnte einen Artikel über Sie schreiben… ich könnte mich für Ihre Bereitschaft mitzumachen auch mit einem kleineren Beitrag erkenntlich zeigen.“

Das ist wohl alles – vor allem beim NZZ-Journalisten – nicht böse gemeint. Erstaunlich aber bleibt, dass keinem auffiel, weder auf Grund von Recherchen noch von Briefen, wie schwer krank dieser Erich Schlatter ist, seine Mails sind Zeugnis einer ganz und gar verwirrten Persönlichkeit, die seine Umgebung – und offenbar auch die Journalisten – überfordert.

Blattkritik light, heute der Sonntagsblick – oder: Politisch korrekter Boulevard (wenn man den Sportteil nicht beachtet)

Sobli

Beginnen wir mit dem Magazin des Sonntagsblick. Wer eine Zeitung/ein Heft liest, der findet mit der Zeit heraus, von welchem Gesichtspunkt aus (oder durch welche Brille) die Redaktion die Welt beschreibt. Das ist mir bei diesem Magazin (noch?) nicht gelungen. Aber das mag wohl daran liegen, dass ich viele der beschriebenen Prominenten nicht kenne oder mich ihr Schicksal nicht interessiert. Und mich der Stil (Titel zum neuen Baron Cohen – Film: „Die Latte der Provokation“) oft befremdet. Hingegen schätzen wir wohl alle die grossen Reportagen – diesmal die schönen Wellenbilder von Clark Little. Und auch Marc Walders Unterhaltung („auf einen Espresso“) lese ich gerne, wenn die Form auch ans Zeitmagazin (auf eine Zigarette) oder an Teleblocher (Wochengespräch) angelehnt ist. Schön auch die kleine Boshaftigkeit der Redaktion, die Frank A. Meiers Alter (65!) jedesmal erwähnt. Und wo liest man schon Sätze wie: Frage Walder: „Die Welt trauert um Michael Jackson – trauert Frank A. Meier auch?“ Antwort Meier: „Nein.“

Doch nun zum Hauptblatt, das sich unter der Leitung von Hannes Britschgi einem Boulevard verschrieben hat, den die Fachleute politisch korrekt oder auch emanzipiert nennen. Das ist also halb schwanger. Als Beispiel dient der Bericht über die drei Schüler, welche in München auf unbekannte Leute einprügelten, Titel „Denn sie wussten, was sie tun.“ Ein hartes Boulevardblatt hätte die Herkunft der jungen Männer recherchiert und dargestellt, der Sonntagsblick macht das verschämt anders, er publiziert die Vornamen: Mike, Ivan, Benji. Da darf der geneigte Leser seine Schlüsse selber ziehen. Die Redaktion ist sichtlich bemüht, die Motive zu erforschen und befragt den Jugendpsychologen Allan Guggenbühl, dessen differenzierte Antworten dann mit „.. Prügeln  geiler als Sex“ überschrieben werden.

Klassischer Boulevard dann der Bericht: „Kaderarzt gefeuert – da gab er sich die Kugel.“ Aber in milder Form. Zwar wird gegen eine Regel des Qualitätsjournalismus verstossen (Selbstmord ist tabu), aber es werden keine Namen veröffentlicht und die Bilder werden (leicht) verfremdet. 

Zur Titelgeschichte „Jacksons letzte Show“ muss man nichts sagen, das entspricht wohl dem Geschmack der Leser.

Die Berichte im „Politik“-Teil könnten auch in einer anderen Schweizer Tageszeitung stehen, sie sind informativ und solide. Das Interview mit SRG-GD Armin Walpen ist ein Beispiel für harten aber fairen Journalismus. 

In der Wirtschaft nimmt auch der Sonntagsblick die Frage auf, ob Firmenchefinnen schwanger werden dürfen. Die Debatte hatte Roger Köppel in der „Weltwoche“ lanciert. Und CR Hannes Britschgi unterhält sich gleich mit fünf Karrierefrauen über deren Schicksal. Gut gemacht – vor allem deshalb, weil die Runde auch übers Internet betrachtet werden kann (www.sonntagsblick.ch ARGUMENTE). 

Der Leute – Teil ist ganz brav gemacht, Höhepunkt: „Happy Birthday, Beni“.

Zum Schluss zitieren wir aus der Frank A. Meier – Kolumne über die Schweizer Banken: „Erst unter extremem internationalen Druck steigen die Herrenreiter jetzt von ihrem hohen Ross herab, vom dem sie mit der Reitpeitsche ihren Knechten in der Politik die Marschrichtung vorgaben. Allzu lange war unser Land eine Bananenrepublik in der Zucht von Banken-Caudillos.“ Schön, denn: wann haben wir das letzte Mal derart klare klassenkämpferische Parolen gelesen?

Zum Sportteil sagen wir heute nichts: Dort lasen wir eine der härtesten Boulevardgeschichten der Woche – sie hat aber mit der Sonntagsblick-Redaktion nichts zu tun.

Was haben wir nun neues/relevantes erfahren? Dass der Zürcher Zoo „neu Übernachtungen inmitten von Löwen, Wölfen und Elefanten“ anbietet, das sich ein Kinderarzt in Bern erschossen hat und der Bund Asylbewerber statt sie zurückzuweisen auf die Kantone verteilt. Und, ach ja, noch dieses: „Oswald Grübel kämpft noch immer mit vielen Altlasten.“

Die Kriterien der Blattkritik:

Scoop (was ist neu und/oder exklusiv) – Sprache (Originalität in Inhalt und Form) – Trennung von Kommentar und Fakten – Anmutung/Optik/Bild – Gesamteindruck/Stil.

Unterbrochene Blattkritik…

Die sonntägliche Blattkritik wurde diesmal heftig unterbrochen: Ein kurzer, aber starker Sturm am See sorgte für eine Zwangspause. Hier die Geschichte in Bildern.

(Und danach gab es dann noch viel zu reden… die meisten Sätze begannen mit: „Stell Dir vor…“).