Nach der NZZ erscheint nun auch der „Tages Anzeiger“ neu aufgemacht und wir stellen verblüfft fest, dass die NZZ lockerer daherkommt und der Tages Anzeiger ernsthafter

Nun auch der „Tages Anzeiger“: Heute erscheint das Blatt im neuen Kleid. Und zur Verblüffung, kommt das Blatt nun ernsthafter, textlastiger daher; die Redaktion setzt ganz offensichtlich auf den Inhalt und verzichtet – anders als die NZZ – weitgehend auf typographischen Schmuck (das lila Band beim Merkel-Porträt halten wir für einen Ausrutscher. Und, das auch, die Umstellung für die Leserinnen und Leser ist enorm; das Blatt wurde stark verändert.

Zur Première macht der „Tages Anzeiger“ mit einer stadtzürcher Geschichte  und einem schwarz-weiss Bild (von Polanski auf) und das Versprechen wahr, Hintergrund zu liefern: Auf den Seiten 13, 15, 36 und 37 geht es um den eingefangenen Regisseur.

Das Blatt wurde in eine Lesezeitung verwandelt, hier setzt eine Redaktion auf die (intellektuelle) Neugier des Publikums. Das dürfte die Handschrift (auch) von Co-Chefredaktor Res Strehle sein, der sich – wie man es von ihm gewohnt ist – vornehm zurückhält. Das fällt übrigens auf: Die NZZ hat ihren Relaunch auf allen Kanälen zelebriert, an der Werdstrasse gings weit leiser zu und her. Einzig der Verleger greift heute zur Feder mit einer Bekenntnis zur „Qualität.“ Aus der Chefredaktion (Eisenhut/Strehle) ist nur ein kurzes „In eigener Sache“ zu lesen. Man sei „noch näher dran an der Lebenswirklichkeit seiner Leserinnen und Leser.“

Natürlich erinnert das an den Guardian und an andere renommierte Zeitungen; man darf nun gespannt sein ob die „Tages Anzeiger“ – Klientel, die anderes gewohnt war, diese Veränderungen annimmt. Bei den NZZ-Leser, denen nun eine gepflegt – luftige Variante ihres Leibblattes vorgesetzt wurde, hätte ich da weniger Bedenken. Vereinfachend gesagt: Der neue „Tages Anzeiger“ könnte (optisch) auch die neue NZZ sein.

Diese Neupositionierung des TA dürfte wohl das Resultat einer Gesamtbetrachtung sein: Einfache, kurze journalistische Kost bekommt man auf dem Ausflugdampfer „20 Minuten“ vorgesetzt, auf den Schnellbooten „News“ und  Newsnetz das Fast Food (mit Boulevard garniert) und auf dem Flaggschiff „Tages Anzeiger“ die mehrgängigen Menüs, also eher schwere Kost.

Schliesslich 1: Es kommt – bei aller Liebe zur Präsentation – auf den Inhalt an. Und wir werden sehen, wie sich das bei der NZZ und dem TA entwickelt. Die neuen graphischen und inhaltlichen Konzeptionen sind bei beiden überzeugend und – glücklicherweise – höchst unterschiedlich.

Schliesslich 2: Beide Verlage werden versuchen müssen, mit weniger Mitteln mehr zu leisten. Sie haben öffentlichkeitswirksam Sparübungen in gesteigerte Qualität und grösseren Lesernutzen umgemünzt. Das gilt nicht zuletzt für die reduzierten Umfänge und das Zurückrudern bei der Regionalisierung des „Tages Anzeigers.“

Der neue Tages Anzeiger

Der neue Tages Anzeiger

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen… oder wenn wenig los ist, werden die Redaktionen kreativ

Heute fehlt eigentlich die Zeit, eine Blattkritik zu den Sonntagszeitungen zu schreiben: Die Redaktion wartet auf den Kommentar zum Wahlausgang in Deutschland und jetzt muss noch die Berliner Runde geschaut werden. Daher nun – ganz gerafft – ein paar (auffällige) Auszüge aus den Sonntagsblättern.

Das wird ja lustig: GPS in den Autos der Schweizer Prominenz, um deren Fahrweise per Big Brother zu überwachen.

Das wird ja lustig: GPS in den Autos der Schweizer Prominenz, um deren Fahrweise per Big Brother zu überwachen.

Sonntagszeitung: Ein Kauf entpuppt sich... hmmm?

Sonntagszeitung: Ein Kauf entpuppt sich... hmmm?

Exklusiv in der Sonntags Zeitung: Gegen die Fallpauschalen...

Exklusiv in der Sonntags Zeitung: Gegen die Fallpauschalen...

Exklusiv in der NZZ am Sonntag: Die Probleme der SBB...

Exklusiv in der NZZ am Sonntag: Die Probleme der SBB...

Sparen in den Redaktionen? Byline in der Sonntagszeitung...

Sparen in den Redaktionen? Byline in der Sonntagszeitung...

Und so gewichtet heute die Sonntagszeitung...

Und so gewichtet heute die Sonntagszeitung...

So gewichtet der Sonntag: Miss Schweiz seitenhoch...

So gewichtet der Sonntag: Miss Schweiz seitenhoch...

Der Sonntagsblick hatte es heute einfach...

Der Sonntagsblick hatte es heute einfach...

Die NZZ macht mit der SBB - Geschichte auf... oder: gute Tage für den Leser sind Tage, an denen nichts los ist. Dann werden die Redaktionen kreativ.

Die NZZ macht mit der SBB - Geschichte auf... oder: gute Tage für den Leser sind Tage, an denen nichts los ist. Dann werden die Redaktionen kreativ.

Z Volksmund

Was macht der Volksmund?

Z Res Strehle

Der Co-Chefredaktor des Tages Anzeiger Res Strehle geht hart mit seinem Vorgänger ins Gericht.

So sieht der neue Tages Anzeiger aus: rechts...

So sieht der neue Tages Anzeiger aus: rechts...

Y Superbild

Das schönste Bild des Tages: aus der NZZ am Sonntag

Unterwegs als digitaler Nomade – ein Selbstversuch

Zum folgenden  – zuerst in den Zeitschrift „Persoenlich“ – publizierten Artikel – schrieb mir die Redaktion von persoenlich.com: „Auf blog.persoenlich.com habe ich Ihr digitales Nomadenleben publiziert. Der Text wurde in Deutschland u.a. auf bildblog.de verlinkt. Am 23.9. haben mehr als 5000 User den Text gelesen. Ein neuer blog.persoenlich.com-Rekord.“

Es gibt – leider – keine Internetexperten, denn in diesem Hypermedium ändern sich die Sitten und Gebräuche schneller, als man folgen kann. Fest steht einzig: Wenn alle Menschen in Lichtgeschwindigkeit Texte, Bilder, Töne, Filme und andere Daten austauschen und alle untereinander oder in Gruppen kommunizieren können, ist vieles möglich. Mehr auf jeden Fall, als wir uns derzeit vorstellen können und vielleicht auch wollen. In neuen Medien werden – wie soll’s auch anders sein? – anfänglich die bestehenden Geschäftsmodelle abgebildet, wir erinnern uns: Am Radio wurden Zeitungen vorgelesen, im Fernsehen Radiosendungen gezeigt und im Internet dann Bestehendes verbreitet. Erst allmählich setzt sich McLuhans Gesetz durch: The medium is the message, oder anders gesagt: Form und Inhalt sind untrennbar verbunden. Erst Ebay, Amazon und jetzt die Social-Media-Anwendungen von Xing über Facebook bis Twitter (und all die Chats und Blogs) nutzen die neuen Möglichkeiten. Die Regel ist einfach zu verstehen: Was man in anderen Medien genauso gut (oder besser) tun kann, hat im Internet keine Chance.

Mit der Entstofflichung der Information erst wurde beispielsweise ein Google-Geschäftsmodell möglich. Die Google-Strategie ist dabei ebenso simpel wie erfolgversprechend: Google sammelt (gratis) und strukturiert (teuer) alle vorhandenen Daten und verkauft diese Daten beliebig neu kombiniert weiter. Dabei geht es natürlich nicht um das Bewahren des Weltwissens, sondern um den harten Verdrängungswettbewerb gegen, beispielsweise, Zeitungs- und Buchverleger. Die haben den Konkurrenten anfänglich nicht wahrgenommen – und jetzt hat diese Unterschätzung bei manchen nahtlos in naive Bewunderung umgeschlagen. Und erst allmählich merken wir, dass Googles parasitäres Geschäftsmodell nur deshalb so gut funktioniert, weil das Urheberrecht nicht durchgesetzt wird und die Verlage ihre Inhalte – die sie teuer zu stehen kommen – gratis im Netz (zur beliebigen Verwendung) verbreiten.

Ins volle Social-Media-Leben gestürzt

Google oder Bing nutzt ein jeder, Amazon wurde zum grössten Buch- und Filmhändler, und News gibt es inzwischen bis zum Überdruss. Wie aber steht es um den neuen Hype im Netz, die Social-Media Netzwerke? Da hilft, wie so oft, nur ein Selbstversuch. Wer über Goethe reden will, muss Goethe gelesen haben. In unserer Branche aber reden die Leute über Twitter, Facebook und die Blogs, ohne zu wissen, was ein Retweet, eine Facebook-Gruppe oder ein Blog-Feed ist. Und so habe ich mich – zum Entsetzen meiner Tochter und vom milden Lächeln ernsthafter Kollegen begleitet – ins volle Social- Media-Leben im Netz gestürzt und bin so manchem begegnet, den ich dort eigentlich nicht erwartet hätte. Vor allem aber geschah das Umgekehrte: Es fehlt mancher der lieben Kollegen, die sich eigentlich fürs Neue interessiere müssten. Mein bisheriges kurzes Leben als digitaler Nomade gipfelte in der Gründung einer Facebook-Gruppe: Ja, ich habe meine (inzwischen fast 70) Facebook-Freunde aufgefordert, einer Gruppe von Leuten beizutreten, die sich nicht bei Libyen entschuldigen wollen. Innert weniger Stunden waren wir schon zehn, weitere werden, wenn sie wieder mal in ihren Account schauen, folgen. Und die Debatte läuft an; Christian Amsler – der wohl in unseren Regierungsrat gewählt wird – schreibt mir, dass er an einer Party mit 200 Leuten war, keiner habe sich für die Aktion von Bundespräsident Merz eingesetzt. Christian Heydecker, ein Schaffhauser FDP-Politiker und renommierter Anwalt, verwickelt mich in eine Debatte und teilt noch beiläufig mit, dass er eine Alkoholkontrolle nächtens gut – weil nüchtern – überstanden habe. Und mein Schwager schreibt aus Sardinien, die Sache mit Merz komme ihm doch reichlich ölig vor.

Roger Köppel hat 117 Freunde

Facebook (Facebook.com) ist inzwischen das grösste der Social Networks, die Registrierung und die Nutzung sind (noch?) kostenlos. Hier tauscht Nachrichten, Texte, Bilder und Videos aus, wer gemeinsame Interessen hat. «Freunde» – wie es im Facebook-Slang heisst – kommunizieren mehr oder weniger eifrig miteinander; Freund wird man, indem man einer Einladung Folge leistet oder jemanden einlädt. Und je mehr Freunde man hat, desto höher ist man auf der Facebook-Hierarchie geklettert. Roger Köppel hat auf Facebook 117 Freunde (Stand 22.08.), er und ich haben neun gemeinsame Freunde, darunter Filippo Leutenegger oder Frank Bodin, der Facebook auch dazu genutzt hatte, zu seiner Vernissage «Fotografieren beim Fotografieren» einzuladen. Und, ach ja: Roger Köppel hat eine aus 227 Leuten bestehende Fan- Gruppe, 35 weitere haben sich zur Gruppe: «Ich möchte auch wie Roger Köppel im Editorial gemalt werden» gesellt, und 33 – da tun sich die Abgründe von Facebook auf – «möchten Roger Köppel den ganzen Tag mit Skischuhen auf dem Kopf herumlaufen, und Urs Paul Engeler auch». Bei der Prominenten längst zur Ehre gereichenden Gruppe jener, die ihnen «in die Fresse hauen» möchten, bringt es der Weltwoche-Verleger auf 36 Leute. Zum Vergleich: Hier führt Roger Schawinski mit (kumuliert) 198, die ihm entweder die «Fresse polieren» oder anderes Übel antun wollen. Barack Obama wiederum hat bei Facebook 6,6 Millionen Bewunderer, Christoph Blocher immerhin 3900, und er ist auch Schweizer Gruppensieger: 65 Facebook-Gruppen beschäftigen sich mit ihm – Blocher hat aber auch 853 entschiedene Gegner. In meinem Blog schreibe ich, ja, ich auch, ein Tagebuch. Das sollte eigentlich Wochenbuch heissen, da ich – wie viele andere Blogger auch – keine Neiningers Welt: das Wichtigste in Kürze. Zeit finde, um meine Gedanken rund um die Medien täglich zu notieren. Worauf sich meine Leser aber verlassen können: Immer sonntags stelle ich vor, was mir bei der Lektüre der Sonntagszeitungen (Sonntag, SonntagsZeitung, Sonntagsblick, NZZ am Sonntag und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) aufgefallen ist. Im Zusammenspiel mit unseren Schaffhauser Nachrichten wird dort auch auf grössere Reportagen hingewiesen. Dafür ein Beispiel: Als der Schaffhauser Erich Schlatter – den das Schweizer Fernsehen in einem Dok-Film als harmlosen Spinner dargestellt hatte – in Spanien unter Mordverdacht verhaftet wurde, zeigten wir auf, dass es sich bei Schlatter um einen schwer kranken, bedauernswerten, aber gefährlichen Zeitgenossen handelt. Im Blog konnten wir auf den Dok-Film verlinken und die (auch) medienkritische Betrachtung im Netz publizieren. Blog schreiben heisst anders arbeiten: mit Links, Bildern, Bezügen. Und es heisst auch bescheiden werden: Zwar könnte jedermann im Netz den Blog lesen, er müsste aber zuerst gefunden werden. Das ist unter Tausenden nicht einfach; über ein paar hundert Leserinnen und Leser ist jeder Blogger bereits glücklich.

Stumpfsinn bleibt auch im Internet Stumpfsinn

Da kann dann Twitter helfen. Dieser Instant- oder Microblog ist bestens geeignet, um auf jeweils 140 Zeichen pro Beitrag Informationen auszutauschen oder Hinweise zu platzieren – vorausgesetzt, man hat eine Handvoll «Followers», die den eigenen Twitter-Kanal verfolgen. Während ich die Kurzbeiträge von 263 Personen (meist Journalisten) lese, sind es wiederum 233 Leute aus aller Welt, die meine Shortmessages zur Kenntnis nehmen. Die kamen dann – unter anderem – in den Genuss einer regelmässigen Berichterstattung vom Weltkongress des Internationalen Presseinstituts in Helsinki, wo ich in hohem Rhythmus die Vorträge und Debatten zusammenfasste. Dabei wuchs die Überzeugung, dass ein Kurznachrichtendienst auch im Regionalen Erfolg haben könnte. Unsere Redaktion probiert das derzeit aus. Und news1. ch, das Portal der Regionalverleger, twittert – wie andere Schweizer Medien auch – seit Wochen professionell. Facebook, Blog und Twitter – das sind drei der Ausdrucksmöglichkeiten im Internet, die genauer anzusehen sich durchaus auch dann empfiehlt, wenn man schon alles zu kennen glaubt.

Und wie so oft lernt man nur durch eigene Anschauung; man erkennt die Vor- und Nachteile der schnellen und unreflektierten Kommunikation, taucht ein in eine bisher unbekannte Welt jener Generation, für die bezahlte Medien ein Konzept aus dem Altertum sind und die ständige Verbindung («always online») zur Lebensqualität gehört. Wo immer auf der Welt etwas geschieht, es schlägt sich innert Minuten in Facebook, Twitter und den Blogs nieder – es bleibt dann den traditionellen Medien vorbehalten, die Informationen einzuordnen und Wissen in Verstehen umzuwandeln. Bei uns mag Twitter wie eine Spielerei von Egomanen anmuten, andernorts hingegen wird mit diesem Dienst die Zensur oder auch die Polizei übertölpelt: Der chinesische Regimekritiker Gua Baofeng konnte nach seiner Verhaftung über sein Mobiltelefon auf Twitter folgenden Hilferuf absetzen: «Bitte helft mir, ich habe das Telefon genommen, als die Polizei schlief.» Und die chinesische Twitter-Gemeinde reagierte: Sie sandte Hunderte von Postkarten an die Polizei, bis Baofeng freigelassen wurde. Da geht es hierzulande, zugegebenermassen, um Banaleres, etwa (auch) um den Hinweis auf «leuchtendes Klopapier».

Und das Ergebnis des Selbstversuchs? Zum einen: Die Social-Media-Plattformen werden masslos über- und gleichzeitig unterschätzt. Unterschätzt, weil sie eine neue Art der ungefilterten Sofortinformation rund um den Globus ermöglichen und sich hier eine Generation einfindet, die ebenso spielerisch wie unbeirrt mit den Instrumenten umgeht: Das iPhone und eine Wireless-Internetverbindung reichen, um weltweit zu kommunizieren. Und nirgends kann man auf einfachere Art und Weise alte und neue Freunde finden und mit ihnen in Kontakt bleiben. Überschätzt aber auch, weil sich auch hier ziemlich kleine Gruppen treffen; wer als Blogger ein paar tausend Leserinnen und Leser erreicht, gehört bereits zu den Stars der Szene. Zum Vergleich: Die Schaffhauser Nachrichten haben rund 40 000 tägliche Leser; das erreicht – wetten? – kein Schweizer Blogger auch Anzeige nur annähernd. Wen wundert’s daher, dass die meisten schnell aufgeben? Man darf, auch im Internet, Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Stumpf- und Flachsinn bleibt auch dann Quatsch, wenn er übers Internet verbreitet wird, und originelle Denker und blendende Schreiber nehmen nicht proportional mit den technischen Möglichkeiten zu. Für engagierte Journalistinnen und Journalisten allerdings eröffnen sich hier neue, direkte Wege zum Publikum. Und meine Internet-Aktivitäten fielen auch den jungen Kollegen vom Klartext auf, die verdutzt kommentierten: «Ausgerechnet er, der immer wieder gegen Google anrennt und so den Eindruck eines Maschinenstürmers wider die digitale Vernunft hinterlässt, ausgerechnet Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, hat es mit diesem digitalen Zeugs wie Blogs und Twitter gepackt. Während andere in seinem Rang über kurz oder lang das Handtuch werfen (Arthur Vogel vom Bund hat jüngst ausgebloggt), lässt uns Neininger über alle möglichen digitalen Vektoren an seinem Berufsleben teilhaben, wie man das sonst nur von der Generation der ‹digitalen Eingeborenen› kennt. Chapeau. Dass es bei Neininger gut kommt, sieht man auch am Stil seiner Digitalkommunikation. Blog und Twitter füllt er nicht einfach mit Zeitungsartikeln und Links auf selbige, sondern wählt dem Medium angemessene Formen.»

Blattkritik: In ein paar Tagen werden wir alle glauben, die NZZ hätte schon immer so ausgesehen…

In ein paar Tagen werden wir alle glauben, die NZZ habe schon immer so ausgesehen. Und etwas besseres kann dem Blatt und den für den Relaunch Verantwortlichen (oder war das Markus Spillmann ganz allein?) gar nicht passieren. Sie haben damit ihr Ziel erreicht; es liegt das Resultat einer Evolution vor und von Revolution kann keine Rede sein.. Bevor wir nun auf die neue NZZ im Einzelnen eingehen, eine Vorbemerkung: Das wichtigste an der Generalüberholung ist die Tatsache, dass ein Verlag in eine politische Tageszeitung investiert und ihren sanften Umbau derart zelebriert. „Wir glauben an die Zukunft der Zeitung, heisst die Botschaft von der Falkenstrasse. Und: wir nehmen das überaus wichtig und lassen es unter „Substanz und Ästhetik“ laufen – grössere Begriffe kann man wohl nicht wählen. Also: Gratulation zum Unterfangen, das uns weitgehend gelungen scheint.

Zu den Neuerungen:

Die wesentlichen Neuerungen sind

1. Die konsequente Anwendung der inzwischen anerkannten Regel: Das Kleine klein, das Grosse gross. Und so finden wir neben den langen Stücken Rubriken wie „IN KÜRZE“.

2. Die Verbindung zwischen Zeitung und Internet: Mit Hinweisen auf NZZ-Online und auf „Dossiers“ wie dem zu China. Diese ergänzen die Artikel. Und die Einladung zum NZZ-Votum. Hier scheint nun zusammenzuwachsen, was zusammengehört.

3. Die Doppelseite mit redaktionellen und Gastkommentaren, entsprechend den angelsächsischen Editorial-Seiten. Allerdings in der ersten Nummer ein gerüttelt Mass an bildlosen Texten. Man könnte sagen: Eine Bleiwüste.

4. Die Inhaltsangaben im Kopf mit Verweis auf die Artikel.

5. Das Inhaltsverzeichnis aus der 1 mit nur sechs Themen.

Zum Layout:

„Luftiger“ sei das, sagen die Verantwortlichen, es würden besser und grösser Bilder verwendet und grosszügiger umbrochen. Stimmt wohl. Zwei von drei Bünde (hiessen bei der NZZ bis jetzt „Lagen“) sind fünf- das Feuilleton vierspaltig umbrochen. Und finden wir rasterunterlegte Artikel – etwas überraschend. Ebenfalls nicht zwingend scheinen die Anrisse in den Seitenköpfen – liest das jemand?

Das alles gefällt, ist wohl auch für NZZ-Redaktion umsetzbar (für Zeitungslayouts ganz wichtig), wenn es auch plötzlich Formen zu füllen gibt, während vorher ohne formellen Zwang geschrieben werden konnte. Neu ist also vor allem, dass die NZZ-Redaktoren und Journalisten sich nun an vorgefertigte Formen („Blöcke“) halten müssen – eine eigentliche epochale Änderung. Da wundert es uns nicht, dass ein weiteres Vorhaben (Artikel werden mit Namen statt mit Kürzel gezeichnet) weitgehend gescheitert ist. Man kann einer Redaktion nicht alles auf einmal zumuten.

Nun zu den (kleinen) Ungereimtheiten:

Warum hat die Seite „International“ nicht – wie alle anderen auch – Inhaltshinweise im Kopf?

Was soll der (einzige) Kursivtitel auf der 5? Ist das ein Kommentar? Oder ein Fehler?

Warum sind die einen Artikel mit dem Namen der Autorinnen und Autoren gezeichnet, andere nicht?

Und warum gibt es dann im ganzen Blatt noch eine mit einer Oberzeile gekennzeichnete Rubrik („Obergericht“)?

Forschung und Technik: Wo beginnt denn nun der Artikel? Oben links oder unter dem Titel?

Fazit: Das ist ziemlich gut gelungen – mit einigen Ungereimtheiten. Die NZZ war bis anhin schon eine blendend gemachte Zeitung mit gescheiten Köpfen und klugen Analysten. Nun wird sich zeigen ob und wie sich die zahreichen neuen formellen Zwänge (beispielsweise das Ensemble Titel/Unterzeile/Lead oder die Anrisse im Seitenkopf  und der Blockumbruch) auf den NZZ-Journalismus auswirken werden.

Detail 1: Die einzige Rubrik mit Obertitel...

Detail 1: Die einzige Rubrik mit Obertitel...

Detail 2: Einzig "International" hat keine Anrisse unter dem Seitenkopf...

Detail 2: Einzig "International" hat keine Anrisse unter dem Seitenkopf...

Detail 3: Woher kommt denn plötzlich der Kursivtitel? Ist das ein Kommentar?

Detail 3: Woher kommt denn plötzlich der Kursivtitel? Ist das ein Kommentar?

Detail: Missglücktes Inhaltsverzeichnis am Seitenfuss...

Detail: Missglücktes Inhaltsverzeichnis am Seitenfuss...

NZZ-Chefredaktor erklärt auf allen Kanälen, worum es der NZZ mit dem Facelifting ging: "Substanz und Ästhetik."

NZZ-Chefredaktor erklärt auf allen Kanälen, worum es der NZZ mit dem Facelifting ging: "Substanz und Ästhetik."