Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen…

Ein idealer Sonntag für eine ausdehnte Lektüre der Sonntagszeitungen; draussen schneit’s und man kann sich der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen widmen. Hauptthema heute – natürlich – das Wef, wobei jede Redaktion ihre eigenen Schwerpunkte setzt. Und dann (in den Schweizer Zeitungen kommt das zu kurz) die Daten von deutschen Kapitalanlegern in der Schweiz. Diese werden den deutschen Behörden zum Preis von 2.5 Millionen angeboten.

Bester Titel: Der Golf im Schafspelz

Sonntag

Peinlichste Geschichte: Der Vergleich der Apple mit der Schöpfungsgechichte („Am Tag 1 schuf Gott das Licht, Steve Jobs den iMac“).

Sonntagszeitung

Spannendste Lektüre: Frank Schirmmacher über das i Pad („Die Politik des i Pad“)

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Interessanteste Innovation: Der von zwei Redaktoren geschriebene kontroverse Leitartikel zum Thema Afghanistan

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Skurrilster Kommentar: Sonntagsblick zum Selbstmord des Churer Polizeikommandanten „Das Schönreden“

Dieser Kommentar beginnt mit „De mortuis nil nisi bene“ und das heisst eben nicht, man solle über Tote nur Gutes sagen, sondern man solle schweigen, wenn man über Tote nichts Gutes zu sagen wisse.

Sonntagsblick

Und nun zur Bildschau der Sonntagszeitungen:

NZZ-Titel mit dem USA/UBS-Steuerstreit; die gestohlenen Steuerdaten Deutscher Staatsbürger sind auch hier nur am Rande erwähnt.

In der NZZ: Interview mit dem deutschen Finanzminister Karl - Theodor zu Guttenberg zur Frage, ob die deutsche Regierung die gestohlenen Kundendaten aufkauft.

Wir hatten schon am Samstag darüber geschrieben, nun kommentier auch die NZZ die magelnden Englischkenntnisse des neuen EU-Kommissärs Oettinger.

Der Klimarat - endlich auch von der NZZ am Sonntag in Frage gestellt.

Da werden sich die Deutschen aber fürchten, wenn ihnen Bundesrat Merz droht.

Die FAZ am Sonntag zum Datendiebstahl: Was ist jetzt ethisch? Die Daten zu kaufen und dann die Steuersünder zur Kasse bitten oder sich nicht mit Gaunern einlassen?

Ziemlich unterspielt, das Thema in den Schweizer Zeitungen.

Hauptthema, auch in der Sonntagszeitung, das Wef mit allen Aspekten.

FAZ-Herausgeber Frank Schirmmacher mit einem spannenden Text (im Feuilleton) zum Apple iPad.

Innovativ: Der von zwei Kommentatoren mit unterschiedlicher Auffassung geschriebene Leitartikel zu Afghanistan.

Springer-Chef Döpfner öffnet die Archive... nicht genug, finden die Kollegen.

Gute Idee: Die Museen verkaufen Schätze, um den Staat zu finanzieren.

Der Sonntag mit einem Scoop, einmal mehr.

Widmer Schlumpfs katastrophale Personalpolitik und das neuste Opfer (der Steuerzahler).

Frank A. Meier: Es ist unerheblich, ob der Staat zum Hehler wird...

Ein Kommentar, auf den man auch hätte verzichten mögen...

Die Sonntagsblick macht mit dem Tod des Chuerer Polizeichef auf und dreht das Wef ins Boulevardeske. Naja.

Schlagzeile des Tages...

Das auch noch... Erotik und Verganer

Gott und Steve Jobs verglichen... hmm, über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten.

Sie Sonntagszeiting schwimmt, einmal mehr, nicht im Mainstream und verteidigt Tony Blair.

Das muss man ganz genau lesen: Bundesrätin Widmer Schlumpf kritisiert das Bundesverwaltungsgericht und erklärt gleichzeitig, das tue sie nicht.

Die schlchte Meldung des Tages: Bildchef Kai Dieckmann bloggt nicht mehr...

Bei der Lektüre der Zeitungen am Wochenende…

Fortsetzung der Wochenende-Presseschau. Auszüge aus Magazin, Sonntags Zeitung, Sonntag, NZZ am Sonntag, Sonntagsblick, FAZ am Sonntag.

Die gute Meldung des Sonntags: Die FAZ am Sonntag, eine der anspruchvollen Zeitungen, legt an Auflage zu.

Dominique von Matt hingegen schaut etwas skeptisch in die Zeitungszukunft.

Das hatten wir schon geahnt: Leuenberger wusste (wieder einmal) von nichts.

Alle Zeitungen haben das Geschehen in Haiti angemessen abgehandelt, am grössten und packendsten der Sonntagsblick.

Im Sonntag sind – wieder einmal – die klarsten Aussagen zu lesen.

Leuenbergers Medienarbeit war erfolgreich: Auch an der Zerstörung des Bankgeheimnisses war er nicht beteiligt. Woher weiss das bloss der Journalist?

Leuenbergers Offensive, wie gesagt, in allen Blättern.

Darüber, wetten?, reden die Schweizerinnen diese Woche. Scoop im Sonntag.

Ja, woran wohl, liebe NZZ am Sonntag, mag es liegen? Wohl am Vorgänger, oder?

Was für ein Wort: Alarmismus. Wie wär's mit Denkfaulismus?




Darauf mussten wir – und sie – lange warten: Die Kolumnistin ist nach vorne gerückt und präsentiert sich aufs aparteste. Schade nur, dass das Magazin aufgehört hat, den Kolumnistinnen und Kolumnisten für jede Kolumne eine neue Bildinszenierung zu widmen.

Immerhin ist sein Bild (noch) grösser.

Das gefällt uns am Magazin und an Bisnwanger: er setzt die Massstäbe. Ein besprochenes Buch ist – natürlich – die "erhellendste Analyse" von allen. Sonst würde sich er/das Magazin auch nicht darum kümmern.

Der Journalist am Fliessband, mein Artikel in der NZZ über Newsrooms..

Der Trend zum multimedialen Newsroom spiegelt die Industrialisierung der Medien

Viele Medienhäuser bauen ihre Produktionsapparate um. «Newsroom» heisst das Losungswort. Im Journalismus erfolgt entsprechend eine Industrialisierung.

Norbert Neininger-Schwarz

Gegen Ende des letzten Jahres begab sich die Schweizer Chefredaktorenkonferenz auf eine Reise in die eigene Zukunft, denn: Wer hierzulande noch nicht in einem Newsroom arbeitet, der soll es wohl bald tun. Auf 402 Quadratmetern hoch über Berlin hingegen werden bereits seit drei Jahren im Newsroom des Axel-Springer-Hochhauses «Inhalte gebündelt und verschiedene Print- und Online-Medien produziert» (Verlagsmitteilung). Die schöne neue Welt der Zeitungsherstellung hat längst einen eigenen Jargon; die Zeitungen sind «Produkte», Inhalte werden «auf Medienkanäle verteilt» und «Multi-Channel-Publishing» ist das Gebot der Stunde.

400 für 4 Blätter

400 Journalistinnen und Journalisten sind dazu im Springer-Hochhaus gleichzeitig für «Die Welt», «Welt am Sonntag», «Welt kompakt» und die «Berliner Morgenpost» tätig; im Newsroom sitzen deren Chefs während 18 von 24 Stunden täglich an «Content-Desks» mit 67 Flachbildschirmen und entscheiden, welche der vier Zeitungen oder Online-Portale mit welchen Nachrichten, Berichten und Kommentaren jeweils «bespielt» werden. Doch damit nicht genug: Der Newsroom twittert und produziert Video- und Podcasts für die Online-Medien des Verlagshauses.

Und wenn es auch, wie die Hochschule der Medien in Stuttgart schreibt, «keine eindeutige Definition für einen Newsroom gibt», so trägt dieser schlecht klimatisierte Raum auf der 14. Etage diese Bezeichnung gleichwohl zu Recht, erfüllen doch die Journalisten die am Weltkongress der Verleger formulierte Anforderung einigermassen genau: «Zeitungen und Medienunternehmen binden ihre Kunden an sich, sei es durch das gedruckte Wort, über mobile oder andere digitale Geräte. Die Devise lautet: Jedes Medium, jederzeit, überall, jeder Kanal.»

Die Medienunternehmen hatten zwar früh begriffen, dass ihre Zeitungen angesichts der digitalen und elektronischen Konkurrenz ihre Alleinstellung verlieren werden, aber sie haben wenig erfolgreich versucht, das traditionelle Geschäftsmodell des Zeitungsverlags auf die neuen Medien zu übertragen. In Zeiten der Hochkonjunktur baute man für die verlagseigenen Radio- und Fernsehstationen und die Websites eigene, unabhängige Geschäftseinheiten und Redaktionen auf. Als die Umsätze – trotz Diversifikation – weiter zurückgingen, wurde die Suche nach Synergien zur Hauptaufgabe.

Plötzlich eroberten Themen wie Allmedia, Konvergenz und Crossmedia-Publishing die Lufthoheit in den Konferenzsälen in aller Welt. Nicht eine neue, zukunftsgerichtete und der Gemeinschaft dienliche publizistische Idee stand hinter diesen Konzepten, sondern die Suche nach Einsparungen. Und so liesse sich leicht ein reziproker Zusammenhang zwischen den Umsatzrückgängen und der Anzahl Newsrooms nachweisen oder, anders gesagt: Je schlechter es der Medienbranche eines Landes geht, desto mehr Journalisten arbeiten in einem Newsroom.

Online first war gestern

Erste Opfer des Umsatzrückgangs waren die Online-Redaktionen. Einst als schnellere Konkurrenz im eigenen Haus mit dem Auftrag «Online First» versehen, werden sie nun in die Ressorts integriert und den jeweiligen Print-Chefs unterstellt. Dazu kommen, wo vorhanden, die Nachrichtenleute der Radio- und Fernsehstationen. Im Newsroom wird dann entschieden, welche Nachricht wie und wann in welchem Medium veröffentlicht wird. Vielerorts entscheidet ein Einziger über alle aus dem gemeinsamen Raum bestückten Zeitungen und Websites – und seien sie noch so unterschiedlich.

In den USA gab es – beispielsweise beim «Philadelphia Inquirer» – den ersten Newsroom im Herbst 1994, zehn Jahre später kombinierten die «New York Times» und «USA Today» die Online- und Print-Redaktionen, in England und den skandinavischen Ländern ist die Integration der Redaktionen längst der Normalfall. Das radikalste Newsroom-Konzept hat wohl bereits seit 2006 das dänische Zeitungshaus Nordjyske Medier, das in einer integrierten Redaktion Websites, Tageszeitung, Gratiszeitung, Lokalradio und Lokalfernsehen an einem «Superbalken» mit 248 Mitarbeitern koordiniert.

Aus 1000 Stellen werden 400

Offizielle Zahlen über den Rationalisierungseffekt bei Springer waren und sind nicht erhältlich, inoffizielle schon. Aus 1000 Stellen sollen seit der Einführung des neuen Konzepts 400 geworden sein, und dabei sei, so versichern die Verantwortlichen, die Qualität der Medien nicht schlechter – im Gegenteil: Seit die Ressorts aufgelöst und die Redaktion neu nach Aufgaben (Politik, Wirtschaft) strukturiert worden sei, arbeite man enger zusammen, helfe und ergänze sich. Denn es würden nicht nur die wirklichen, sondern auch die Mauern in den Köpfen eingerissen.

Ob bei Springer oder beim «Daily Telegraph» in London, wo 450 Redaktionsplätze auf 6300 Quadratmeter verteilt wurden, überall arbeiten (fast) alle für (fast) alles. Und überall wurde den Redaktionen das neue Denken durch eine neue Architektur aufgezwungen. Es gibt, beispielsweise im Springer-Newsroom, keine private Ecke mehr, keine eigene Büroschublade und auch keinen Platz, um die Ferienkarten der Kolleginnen und Kollegen zu befestigen. Für Besprechungen setzt man sich auf die Rollcontainer, welche beliebig umgruppiert werden können.

Keine Frage: Hier ist höchste Transparenz und Effizienz verwirklicht, jeder kann mit jedem jederzeit in Echtzeit kommunizieren, der Newsroom bildet das Internet in der realen Redaktionswelt ab. Ganze Hierarchieebenen fielen der Umstrukturierung zum Opfer, Produktion und Redaktion sind verschmolzen. Wer aber eine Redaktion nach dem Prinzip «Reduce to the max» konzipiert, könnte das wichtigste vergessen haben: Eine Redaktion ist keine Maschine, es sei denn eine Bewusstseinsmaschine.

Neue Architektur, neue Abläufe, neue Anforderungen: Im Newsroom arbeiten weder Print- noch Radio-, Fernseh- oder Internetspezialisten, sondern Leute, die «zwar nicht alles können müssen, aber an alles denken sollten». Klaus Meier, Inhaber des Lehrstuhls für crossmediale Entwicklungen an der Technischen Universität Dortmund, hat herausgefunden, was es vor allem braucht, wenn «verschiedene Medien zentral bedient werden sollen», nämlich «starke Plattform-Manager». Sonst bestehe die Gefahr, «dass ein Medium darunter leidet, dass ein anderes von denselben Leuten gemacht wird, dass also das eine Medium bevorzugt behandelt und das andere nur mitgeschleift wird».

Zurzeit baut Ringier am bis jetzt grössten Schweizer Newsroom. Er wird, wie der Medienkonzern mitteilte, vom Ringier-Geschäftsführer gleich selber geführt, wobei die Redaktionen von «Blick», «Sonntags-Blick», «Blick am Abend» und blick.ch den jeweiligen Chefredaktoren unterstehen. Das Leitungsteam wiederum bilden die Chefredaktoren, ihre Stellvertreter und die Blattmacher; daneben ist ein Newsroom-Manager tätig, der direkt der Bereichsleiterin der «Blick»-Gruppe berichtet. Und, anders als bei allen anderen, scheint sich Ringier vom Newsroom-Konzept keine Einsparungen zu versprechen: «Das Ziel des Newsrooms ist, den Journalismus, der dort betrieben wird, möglichst effizient über diverse Kanäle zu verbreiten. Sparen heisst weniger, Effizienz bedeutet mehr», sagt Verleger Michael Ringier.

Das, auch das, sieht man an der Werdstrasse bei der renditebewussten Tamedia ganz anders; durch die gemeinsame Bearbeitung von Nachrichtenmeldungen für den «Tages-Anzeiger» und das Newsnetz und die Ausschöpfung weiterer redaktioneller Synergien auch mit dem «Bund» fielen bereits redaktionelle Stellen weg, und auf einen eigentlichen, alle Zürcher Medien des Konzerns integrierenden Newsroom wird noch verzichtet. Man setze auf «phasenweises Vorgehen».

In Bern, bei der zur Tamedia gehörenden Espace-Media, besteht hingegen bereits ein integrierter Newsroom. Auch hier wurden Redaktionsstellen eingespart. Demselben Ziel dient das «Medienzentrum» der AZ-Medien in Aarau.

Wer muss sich quälen?

Der Besuch der Schweizer Chefredaktoren endete im gediegenen Journalisten-Club des Springer-Hochhauses; dort, auf der 19. Etage, hatte sich Axel Springer einen Club mit der Vertäfelung der Bibliothek der Londoner «Times» nach englischem Vorbild einrichten lassen. Bei einem vorzüglichen Abendmahl ging die Diskussion um Chancen und Gefahren der Newsroom-Strategie weiter. Nicht anwesend war Springer-Vorstands-Chef Matthias Döpfner, der – bei einer Matinee der «Zeit» – erklärte, er halte die Medienkrise «im Wesentlichen für eine Krise des Journalismus». Man müsse sich, so Döpfner, «auf den Primat des Inhalts» und «die Qualität der Sprache» besinnen. Der Erfolg der Branche hänge von «journalistischen Tugenden wie gründlichem Recherchieren und Erspüren von Neuigkeiten ab». Ganz entscheidend, so fügte der Konzernchef an, sei, dass sich «der Autor quält, nicht der Leser». Letztlich zähle «das Charisma des Inhalts».

Einmal so, einmal anders

Charisma des Inhalts? Gehegt und gepflegt von Journalisten, die – je nach Tagesbefehl – einmal für die konservative «Welt», ein andermal für die linksliberale «Morgenpost» schreiben und kommentieren? Die zu Kanalarbeitern werden, immer Redaktionsschluss und nie Musse haben? Die während eines Interviews mit der darob einigermassen irritierten deutschen Bundeskanzlerin – das ist eine wahre Begebenheit – mit dem neuen Video-IPod vor der Nase herumzufuchteln beginnen, weil auch die Website bespielt werden muss?

In der Praxis des Newsrooms bestehe die Kunst darin, verschiedene Zeitungstitel verschränkt und parallel zu erstellen, «aber je ihre eigene Seele und ihr Temperament zu bewahren», sagt «Welt»-Chefredaktor Thomas Schmid. Und Michael Ringier verspricht (in einem Interview mit der «Handelszeitung») immerhin: «Wer nicht rund um die Uhr im Jubel und Trubel eines Newsrooms arbeiten will, dem müssen wir die Möglichkeit eines ruhigen Arbeitsplatzes geben.»

Oberflächenvielfalt

Und dann, am späten Abend, wünscht man sich Axel Springer herbei und mit ihm ein paar andere Verleger, mit denen man in Ruhe hätte darüber reden können, dass jedes Medium seine ganz eigenen Gesetze hat und jede Zeitung ein Gesamtkunstwerk ist. Und dass Journalisten (auch) fürs Nachdenken bezahlt werden. Verleger, die vor allem felsenfest davon überzeugt sind, dass es gerade in der Welt des auf allen Kanälen über uns hinwegbrausenden unablässigen Stroms von undifferenzierten News Redaktionen und Journalisten braucht, denen man vertraut, weil man weiss, wofür sie stehen. Und von denen, auch angesichts sinkender Erträge, gar keiner je auf die Idee käme, sein Unternehmen wie einen Autokonzern einzurichten, dessen verschiedene Marken sich nur noch in der Carrosserie, nicht mehr aber im Innersten unterschieden.

Hier der Artikel in der NZZ