Als schämte sich der Ararat, in der Türkei zu stehen (Reportage von 1996)

Armenische Notizen, letzte von zwei Folgen (1996)

Von Norbert Neininger, Eriwan

Aserbeidschanische Granaten zerstörten die Kirche von Suschi, der alten Hauptstadt von Berg-Karabach. Nach der Wiedereroberung des Gebirgsdorfes durch die Armenier werden sich hier zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Christen zum Gottesdienst treffen.

Sonntag.

Über mindestens drei Dinge weiss jeder Armenier immer etwas zu erzählen: den Genozid an seinem Volk durch die Türken, den Krieg um Berg-Karabach und das Essen. Wer als Fremder nach Armenien kommt, wird ganz selbstverständlich dazu eingeladen, wer als Freund kommt, ohnehin. Das war in den finsteren Zeiten nach dem grossen Erdbeben so, das ist heute noch so, und das wird wohl solange bleiben, wie der Berg Ararat Eriwan überragt. Auch wenn Elektrizität, Wasser und Gas fehlen, zaubern die Hausfrauen Gurken, Tomaten, etwas Fleisch und Kartoffeln her, richten sie den Tisch sorgfältig an und kredenzte der Hausherr, wenn auch nur sparsam, Cognac, Wodka und Fruchtsäfte. Unser Freund Libo Libaridian, Bruder des Präsidentenberaters und ein Beschaffungskünstler mit amerikanischem Pass, hat immer etwas Gemüse und ein paar Fleischstücke in Reserve, die in einem dunklen Sud auf dem Spirituskocher brodelten. Ob im Flüchtlingsheim von Gumri oder im kriegversehrten Stepanakert, der Hauptstadt von Berg-Karabach, überall wurde man mit mehrgängigen Mahlzeiten empfangen. Natürlich stammte dabei manche Zutat aus Büchsenlieferungen von Hilfsorganisationen, und oft bestand der Hauptgang aus fader deutscher Wurstkonserve, unfreiwillig gespendet von irgendeinem kirchlichen Hilfswerk.

Nun sind die kargen Zeiten fast vorbei, jetzt werden die Gäste bewirtet, wie es die armenische Sitten gebieten. Tagelang haben die Frauen im Haushalt die traditionellen Gerichte vorbereitet: Das rohe Gemüse ist geputzt; Wurstscheiben und Basturma, das mit Pfeffer umhüllte Trockenfleisch, und Russische Salate in verschiedensten Varianten sind angerichtet. Nun bringt die Hausfrau Lawasch, das runde und papierdünne armenische Brot. Jeder greift sich einen der Fladen, belegt ihn mit den Zutaten seiner Wahl, fügt Petersilie, Koriander, Kerbel, Estragon oder Basilikum und Chorowatz – das marinierte und grillierte Rinds-, Schweine- und Schaffleisch – bei. Man hat bereits auf eines jeden Gesundheit und Erfolg getrunken, nun folgen Reden über Freundschaft und Treue und die Heimatländer der Gäste und Gastgeber. Nie spürt der Gast, wieviel Mühe es kostete, die Zutaten aufzutreiben, oft haben Nachbarn geholfen, Freunde Geld gegeben, damit Strom wenigstens für einen Abend bezahlt werden kann.

Solche Sorgen plagen unsere heutigen Gastgeber nicht. Gesundheitsminister Ara Babloian hat in sein Haus inmitten der vielstöckigen Wohnblocks geladen. Der populäre Politiker arbeitet noch in seinem angestammten Beruf als Chirurg und betrachtet sein Ministeramt als Nebenbeschäftigung. Aber sogar dies ist seinem 90jährigen Vater, er war ebenfalls Arzt, zuviel der Politik. Ein Mediziner, so sagt er uns auf deutsch, gehöre zu seinen Patienten und nicht aufs politische Parkett. Babloian wurde in Ter-Petrosjans Kabinett berufen, nachdem er sich durch blendende Organisation der Erdbebenhilfe einen Namen geschaffen hatte. Aus dieser Zeit stammen seine Beziehungen mit der Schweiz, einem von 29 Ländern, die im vergangenen Jahr Hilfslieferungen nach Armenien sandten. Es sind aber die westlichen Nationen mit der grössten armenischen Diaspora, die am meisten spenden: Die USA, wo 750000 Armenier vor allem an der Westküsta leben, und Frankreich mit seinen 300000 Armeniern. Verwandte im Ausland sind für die Bewohner des kargen Berglandes überlebenswichtig; sie helfen zum einen direkt, sorgen zum anderen aber vor allem dafür, dass die Stimme Armeniens in der Welt gehört wird.

Angst vor neuem Krieg und Kommunismus

Babloian ist soeben von einem Ministertreffen ehemaliger Sowjetrepubliken aus Moskau zurückgekehrt, und er ist danach davon überzeugt, dass es den Armeniern unter den Staaten im Transkaukasus bald am besten gehen wird. Der 52jährige fürchtet nur zwei Dinge: Die Rückkehr der Kommunisten und einen Krieg. Beides, so meint er, sei möglich. Mit kommunistischen Regimes in Georgien Aserbeidschan sei die Lage bedrohlich genug, eine Niederlage von Boris Jelzin bei der russischen Präsidentschaftwahl hätte schlimme Folgen für Armenien. Gefährlich bleibe auch die Situation in Berg-Karabach, und es sei schwierig, einen offenen Konflikt mit den feindlichen Nachbarn Türkei und Aserbeidschan zu vermeiden.

Dafür setzt sich der Schweizer Bundesrat Flavio Cotti als Vorsitzender der OSZE ein. Er hatte Anfang März versucht, zwischen Aserbeidschan und Armenien zu vermitteln. Als vollkommen unrealistisch weist Ara Babloian Cottis Aussage zurück, bei der Konfliktregelung müsse Aserbeidschans «territoriale Integrität unversehrt» bleiben. Dies könne ja nur bedeuten, dass Berg-Karabach mit seinen Armeniern weiterhin ein Teil des islamischen Staates bleiben müsse. Wer darauf beharre, riskiere Krieg.

Es wird viel und teilweise heftig debattiert an diesem langen Abend, aber auch viel gelacht. Noch nie haben wir einen armenischen Hausherrn gesehen, der Teller aufträgt, Speisen in der Küche holt und beim Abräumen hilft. Für seine Gattin, sie ist ebenfalls Arztin, ist dies eine Selbstverständlichkeit, für andere Armenier höchst ungewöhnlich. Ja, wenn er einmal Minister sei, dann helfe er auch im Haushalt, hatte einmal ein Besucher spöttisch bemerkt, worauf Babloian antwortete, er helfe seiner Frau nicht, weil er Minister sei, sondern er sei Minister geworden, weil er seiner Frau helfe.

Montag.

Seit einem Jahr ist Rita nun Wtwe, ihr Mann starb auf eine Patrouille in Berg-Karabach. Sieben lange Jahre hatte er zuvor – zuerst als Freischärler und dann als Angehöriger einer regulären Truppe – gekämpft. Er, der Musiker, folgte von einem Drang getrieben, jeweils den Rufen seiner Freunde in den Krieg um die Enklave. Die paramilitärischen Verbände sind nach offizieller Lesart ohne Unterstützung der armenischen Armee unterwegs, ja, sie sind jetzt sogar verboten. Mit einer Konsequenz, die er von seinem Vater geerbt hatte, focht er für die armenische Sache. Dass eine Mine sein Leben beendete, ist für Rita schrecklich, doch verteidigt sie ohne Rückhalt seine Überzeugungen. Wie er haben Hunderte ihr Leben verloren, im Kampf für Gerechtigkeit, wie Rita meint. Von der Wtwenrente kann sie nicht leben, sie würde nicht einmal für zwei Kilogramm Brot reichen, und so hat sie sich den Bürokraten gar nicht erst ausgeliefert und hält sich und ihre vierjährige Tochter als Dolmetscherin knapp über Wasser.

Im Flugzeug war uns der Amerikaner, eifrig seine Unterlagen studierend, aufgefallen, – nun treffen wir ihn wieder. Er verfolgt die zweistündige Eröffnungsrede des Präsidenten zum ersten Kongress der armenischen Wirtschaftsführer. Ter-Petrosjan verspricht Deregulierung und bessere Rahmenbedinungen vor allem für Investoren. Jetzt hält es den Amerikaner nicht mehr, er protestiert lauthals: Die Regierung mir ihrer Bürokratie verunmögliche Geldanlagen, er hätte eigentlich Millionen hierher bringen wollen, ziehe aber nun fru- striert von dannen. 70 Prozent Steuern seien zuviel.

Wir hätten ihm gerne einen Anlagetip gegeben, doch Mr. Johnson war nicht mehr geneigt, über Wirtschaftsfragen zu diskutieren, er wurde spät abends noch an der Bar in feuchtfröhlicher internationaler Runde gesichtet. Und so hat er ein sicheres Geschäft mit Renditen bis zu 400 Prozent jährlich verpasst – so schnell wachsen nämlich derzeit die Häuser- und Wohnungspreise. Davon können Mike Baronian und Pino Ciaccio ein Klagelied singen, die für die Schaffhauser Stiftung «Hilfe für Armenien» eine Wohnung kaufen wollen, die Bedürftigen zur Verfügung stehen wird. Seit der Staat die Wohnungen den vormaligen Mietern kostenlos überschrieb, hat ein reger Handel eingesetzt. Wir steigen viele vor Schmutz starrende Treppenhäuser hoch, weichen dabei sorgfältig den bröckelnden Stufen aus und lassen uns die dunklen, feuchten und engen Wohnungen zeigen, deren Preise von Stunde zu Stunde steigen. Meist fehlt der Stromanschluss, oft haben die Fenster kein Glas, und die Leitungen in den Toiletten sind leck.

Eine armenisch-schweizerische Poliklinik in Eriwan

Eine Mutter mit ihrer schwerhörigen Tochter hat uns gesucht und gefunden, sie erhofft sich Hilfe. Das geht so alle Tage: Armenier und Armenierinnen kommen ins Hotel und tragen ihr Anliegen vor, sie haben alle von einem Bekannten oder Verwandten gehört, dass jene wieder im Land sind, die unter anderem Gassenküche, Kinderheim oder Invalidenwerkstätte finanziert haben. Viele Menschen sind krank und haben kein Geld, um Medikamente zu kaufen und einen Arzt aufzusuchen. Es sind Fälle für Dr. Levon Movsessian, der uns zur Verfügung steht und dafür keinen Lohn will.

Dienstag.

Zweiter Besuch im Arabkir-Spital, wo wir Bettina Leumann treffen. Für ein paar Monate nur wollte sie nach Armenien kommen, um die Administration des Arabkir-Spitals aufzubauen, nun ist sie schon drei Jahre in Eriwan und arbeitet noch immer in der Klinik. Die 28jährige koordiniert inzwischen von ihrem winzigen Büro im fünften Stock des Spitalkomplexes aus die Verwendung der Gelder, die aus einer Schweizer Stiftung – in der ihr Vater, Professor Dr. E. Leumann, eine wesentliche Rolle spielt – in das Projekt fliessen. Wenige Tage nach dem Erdbeben hat die Behandlung von nierenkranken Kindern begonnen, inzwischen breitet sich die schweizerisch-armenische Poliklinik über zwei Etagen mit 80 Betten und acht Dialysestationen aus. Bettina und die diensthabende Arztin Irina führen durch die Klinik, wo Müt- ter bei ihren kranken Kindern wohnen, um sie zu betreuen. Denn das Spital stellt – wie in der ganzen ehemaligen Sowjetunion üblich – nur die Betten zur Verfügung. Für Verpflegung, Decken und Bettbezüge oder Handtücher müssen die Angehörigen der kleinen Patienten selber sorgen. An den Dilayseapparaten wird das Blut von Kindern gereinigt, die auf eine Nierentransplantation warten. Nur zwei Spendernieren erhielt das Spital im vergangenen Jahr, beide stammten aus Russland, 19 Nieren wurden seit 1991 hier verpflanzt, und elf Empfanger leben noch. Armenier weigern sich, die Organe verstorbener Angehöriger freizugeben.

Der Armenier Arthur arbeitet in der Public Relations-Abteilung der amerikanischen Botschaft in Eriwan und dürfte der Hauptgrund für Bettinas Umzug nach Armenien sein, haben sich die beiden doch schon wenige Tage nach Bettinas Ankunft ineinander verliebt und leben nun zusammen. Das ist aussergewöhnlich in einem Land, wo oft vier Generationen in derselben Wohnung hausen, sich in der Regel acht, neun oder gar zehn Leute kleine Zweizimmerappartements teilen; eine Lebensnotwendigkeit, kann doch nur so die Miete nicht bezahlt werden. Es entspricht aber auch armenischer Tradition, dass erwachsene Kinder für Eltern und Grossekern sorgen. Wer beispielsweise Hasmig, die schöne kaufmännische Angestellte, heiratet, der heiratet zugleich ihre Eltern, ist die 30jährige doch einziges Kind und wird Vater und Mutter bis an deren Lebensende bei sich haben. Altersheime gibt es keine in Armenien, wer keine Angehörigen hat, findet irgendwo einen Unterschlupf oder landet auf der Strasse.

Mit sanfter Hartnäckigkeit hat uns Bettina Leumann in eines der Waisenhäuser geführt. Es liegt hoch über der Stadt, auf einem der sieben Hügel Eriwans, und 120Mädchen und Buben zwischen zwei und 16 Jahren leben hier auf sechs Säle verteilt. Keiner kann sich diesen Kindern entziehen, die offen auf die Besucher zugehen und für jede Zuneigung dankbar sind. Dort, im Duschraum, sind die Fenster zerbrochen, da fehlen noch solide Betten, und dort hat es kein Spielzeug. Und dennoch ist dieses Waisenhaus, dank vieler Spenden, in einem ordentlichen Zustand. Vor sechs Jahren waren wir zum ersten Mal hier und hatten dort an kotüberschmierte Betten gefesselte Kinder gesehen, nicht weniger als zwei starben allein an unserem Besuchtstag.

Wo ist Hadschigt Stambultsian? Wir bekommen einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Regimegegners. Morgen wisse man mehr…

Mittwoch.

Die Wohnung ist endlich gefunden, Frau Sirvart wird die erste Bewohnerin sein. Sie hat beim Erdbe- ben Mann und Tochter verloren und lebt seither in Spitak in einem unbeheizbaren Blechcontainer. Nun kann sie nach Eriwan ziehen und in menschenwürdiger Umgebung leben. Mike Baronian konferiert mit dem Notar und weiteren Behördenmitgliedern, dann besitzt die Schaffhauser Stiftung «Hilfe für Armenien» ein Zweizimmerappartment in einem der Plattenbauten aus Tuffstein am Rande der Innenstadt.

Und jetzt kennen wir auch Hadschigts Aufenthaltsort, unser Chauffeur Aschot steuert seinen 25jährigen Lada durch den wilden und regellosen Verkehr – Schlaglöchern, Fussgängern, Tramwagen, Hunden, Jeeps und anderen Autos auschweichend -, und wir stehen vor dem Zimmer 205 einer Klinik am Stadtrand. Hadschigt liegt tief in seine Kissen vergraben,-beide Schienbeine und Rippen sind gebrochen, die Wrbelsäule ist gestaucht. Seit 1989 kennen wir den Kernphysiker, der in engster Zusammenarbeit mit der Kirche zuerst gegen die Sojwets kämpfte und nun gegen die Regierungspartei und Ter-Petrosjan opponiert. Er hatte uns nach Berg-Karabach begleitet und in vielen Gesprächen über sein Land informiert. Nun ist zwar sein Körper, nicht aber sein Wlle gebrochen: Die jetzige Regierung bestehe aus korrupten Verrätern an der armenischen Sache, schimpft Hadschigt, die armenische Tradition und die richtigen Werte würden schnödem Mammon geopfert. Von Demokratie könne keine Rede mehr sein, habe doch Ter-Petrosjan nicht nur die patriotische Partei der Daschnaken verboten, sondern verhindere auch jegliche Opposition, und zwar mit verbrecherischen Mitteln.

Für Hadschigt steht fest, dass er Opfer eines Attentates geworden ist. Man habe ein Loch in seinen Balkon gespitzt, durch das er – sieben Stockwerke tief -auf den Erdboden stürzte. Aber er gebe nicht auf: Schon zweieinhalb Monaten liege er hier, ein weiterer Monat werde folgen, und dann gehe der Kampf weiter.

Ter-Petrosjan hat innen und aussen viele Feinde

Nicht nur Hadschigt Stambultsian schimpft über die Regierung, viele Intellektuelle des Landes sehen die Gefahr einer Ditatur. Kritische Journalisten würden verprügelt, Parteien sind teilweise verboten, und die Machtfülle des Präsidenten wächst. Schon, wenden Regierungsmitglieder ein, doch das Land brauche jetzt vor allem eines: Stabilität. Ganz nach chinesischem Vorbild stehe die wirtschaftliche Freiheit im Vordergrund, und erst in zweiter Linie folge die Errichtung einer Demokratie nach westlichem Muster. Dass Ter-Petrosjan, dessen Wiederwahl im September unbestritten ist, sich mit den Nachbarländern Türkei und Iran arrangieren will, nehmen ihm Armenier innerhalb und ausserhalb des Landes übel.

Der letzte Abend ist angebrochen, drei Einladungen ist Folge zu leisten: Sergei und Ashot haben ein Festmahl vorbereitet, und auch Sascha, der Vater des herzkranken Buben, erwartet uns in seiner Wohnung. Endlich ist ein wenig Zeit, Pino Ciaccio zu feiern, geht doch heute seine zwölfte Armenienreise zu Ende. Der Schaffhauser sizilianischer Herkunft ist wie ein Schlüssel zum Herzen der Armenier, die ihn sowohl in eine Freischärlertruppe aufgenommen als auch mit einem armenischem Namen versehen haben: Ciacciosian.

Um fünf Uhr morgens beginnt die Abfertigung am Flughafen, unsere Bekannten sind alle wieder da, haben Geschenke vorbereitet und geben uns Proviant mit auf den weiten Weg. Vier Stunden später sitzen wir in der Maschine nach Paris, es ist ein sonniger, kalter Morgen. Und nun sehen wir zum ersten Mal den Berg Ararat, der die ganze Woche sein Haupt in Nebel gehüllt hatte, als ob sich der heilige Berg der Armenier dafür schämte, nicht auf armenischem, sondern auf türkischem Boden zu stehen.

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