Auf dünnem Eis, Leitartikel aus den Schaffhauser Nachrichten

VON NORBERT NEININGER

Immer leben wir Menschen – bildhaft gesprochen – auf mehr oder weniger dünnem Eis, absolute Sicherheit gibt es für nichts und niemanden. Das wird uns dieser Tage aufs Deutlichste bewusst. Noch ist die arabische Welt im Umbruch, noch ist das Ausmass der Katastrophe in Japan nicht abzusehen, und schon gedenkt der Westen, in den Krieg gegen Libyen zu ziehen. Und als ob das nicht der Verunsicherung genug wäre, sind die Finanz- und die Eurokrise keineswegs bewältigt. Auch das Erdbeben und der darauf- folgende Tsunami in Japan haben uns vor Augen geführt, dass die Natur nicht beherrschbar ist, die leckgeschlagenen Kernkraftwerksanlagen zeigen, dass das auch für die Technik gilt. Natürlich hätte es dieser Ereignisse eigentlich nicht bedurft, um darauf aufmerksam zu werden, dass Naturgewalten unbezähmbar sind und alles, was Menschen schaffen, auch versagen kann. Und so ist es nur durch unsere Vergesslichkeit und Fähigkeit zur Verdrängung zu erklären, dass Katastrophen – hervorgerufen durch Naturgewalten oder Technikversagen oder, wie jetzt in Japan, durch die Kombination von beidem – uns jedes Mal überraschen und aufs Neue verunsichern.

Natürlich ist das Ausmass der japanischen Katastrophe ungewöhnlich gross, und die Folgen sind ungewiss. Vor allem aber staunen wir darüber, dass (auch von Journalisten) erst jetzt Fragen gestellt werden, die eigentlich auf der Hand lagen. Warum, so lautet die wohl wesentlichste, baute man Kernkraftwerke an einem Ort, der sowohl durch Erdverschiebung als auch durch darauf folgende Tsunamis gefährdet ist? Ganz offensichtlich halten die Anlagen solchen Kräften nicht stand. Und verblüfft nehmen wir zur Kenntnis, wie verblüfft die Fachleute selber sind. Tausende, ja Zehntausende von Menschen fielen der Naturkatastrophe zum Opfer, das Leid der Hinterbliebenen wird überlagert von der weltweiten Sorge über die Havarie der Kraftwerke und die Folgen für die japanische Bevölkerung und uns alle. Unausweichlich stellt sich jetzt die Frage, ob wir auch andernorts – etwa in der Schweiz – mit dem Feuer spielen und unverantwortlich handeln, wenn wir weitere Kernkraftwerke bauen und die existierenden weiter betreiben. Es ist im Moment, angesichts der Schreckensmeldungen und -bilder aus Japan, nicht die Zeit für abwägende Debatten. Das spüren, wie immer, die Politiker zuerst. Sie sind, vor allem in Wahlzeiten, empfänglich für Stimmungen, und man hat Verständnis dafür, dass jetzt die Parteien von links bis rechts erklären, man habe gar nie wirklich auf Kernkraft gesetzt. In solchen Zeiten muss man eigene Überzeugungen in Frage stellen. Es ist aber andrerseits (noch) nicht der Zeitpunkt für langfristige Strategien, zu aufgeregt und emotional wird derzeit argumentiert. Es wird erst später möglich sein, Chancen und Risiken in aller Ruhe abzuwägen. Jetzt wie später aber steht fest, dass wir in allen modernen Volkswirtschaften auf Wachstum angewiesen sind und Wachstum ohne ausreichende Energieversorgung nicht möglich ist. Bis alternative, erneuerbare Energiequellen in genügendem Masse erschlossen sind, wird man auf Kernkraftwerke – die man jetzt noch einmal sicherer machen muss – angewiesen sein. Die Abhängigkeit vom Öl, das erfahren wir jetzt auch, ist keineswegs problemlos. Auf viele der Öl fördernden Länder ist wenig Verlass; Unruhen haben manche von ihnen erfasst, und eine Reihe von Regimewechseln dürfte bevorstehen. Was in Tunesien und Ägypten offenbar einigermassen friedlich abgelaufen ist, führte nun in Libyen zu einem Bürgerkrieg, und wir stehen vor dem Angriff einer westlichen Koalition auf Ghadhafis Regime – mit Sanktion der Arabischen Liga und der UNO. Niemand kann voraussagen, wie dieser verlaufen wird; die Gefahr eines grösseren Konflikts vor der europäischen und unserer eigenen Tür kann nicht ausgeschlossen werden. Was soll der Westen tun, wenn Bürgerkriege im Iran oder in anderen von Despoten beherrschten Staaten in Arabien ausbrechen? Und wie überwin-det man die Kluft zwischen jenen europäischen Staaten, welche sich an den militärischen Einsätzen beteiligen werden, und den anderen, beispielsweise Deutschland? Die Krise ist dreifach: Das Erdbeben hat Japan schwer getroffen, die Havarie der Kernkraftwerke führt zu einer weltweiten Verunsicherung, und in Libyen könnte auf den Bürgerkrieg ein Krieg des Westens gegen Ghadhafis Armee folgen. Und das alles trifft uns in einer Zeit der wirtschaftlichen Instabilität. Die Folgen der Katastrophe in Japan und der Umwälzungen in Arabien werden die Situation verschärfen. Wir lebten, keine Frage, schon in besseren Zeiten. Oder anders gesagt: Wir tanzten schon auf dickerem Eis.

 

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