Leitartikel in den Schaffhauser Nachrichten…

Grenzen der Toleranz

VON NORBERT NEININGER

Als ob wir plötzlich keine anderen Sorgen mehr hätten, debattieren Medienleute, aller Gattung Wissenschaftler und Politiker vor allem über ein Thema: den Islam in der Schweiz und das Verhalten seiner mehr oder weniger fundamentalistischen Repräsentanten. Nicht die anhaltende Demütigung des Landes durch einen ruchlosen Despoten, nicht die drohende Auflösung der Schweizer Armee und schon gar nicht der anstehende Zerfall der europäischen Währungsunion erregt die Gemüter ähnlich heftig, es geht an den Stammtischen und in den Medienarenen derzeit vor allem um Minarette und Schleier, um Hass- und andere Prediger und ums Abstecken der Toleranzgrenzen gegenüber einer uns in weiten Teilen befremdend anmuteten Religionsgemeinschaft, die in wesentlichen Aspekten nicht zu unseren Sitten und Gebräuchen zu passen scheint.

Keine Frage: Lange, (zu) lange wurden die Probleme mit dem Islam unter dem Mantel der Toleranz verhüllt; wer auf die offensichtliche Missachtung der Rechte der Frauen in fundamentalistischen Kreisen, deren unerbittlichen Machtanspruch und die längst entstandenen Parallelgesellschaften hinwies, musste sich den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit gefallen lassen. Oder er wurde mit dem Argument zum Schweigen gebracht, es gebe halt überall Extremisten, und das Christentum sei – man betrachte nur die Kreuzzüge – keinen Deut besser.

Der (gar nicht so) kleine Unterschied

Eine grundsätzliche und genügend differenzierte Betrachtung der Unterschiede zwischen den Religionen im Allgemeinen und dem Islam und dem Christentum im Besonderen würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen – dazu nur so viel: Mit der Aufklärung wurde die weitgehende Trennung von Religion, Kirche und Staat vollzogen, diesen für eine moderne Gesellschaft unerlässlichen Schritt in die Moderne haben viele islamische Gesellschaften und Staaten nicht gemacht. Man mag einwenden, dass die Trennung von Religion und Staat auch hierzulande nicht vollständig gelungen sei – wohl wahr, doch: es gibt einen (gar nicht so) kleinen Unterschied: Die Bergpredigt eignet sich weit weniger zur Rechtfertigung von Terrorakten oder Frauenunterdrückung als Teile des Korans. Und so leben wir gut mit unserer christlich-jüdischen Tradition und Kultur, welche die Grundlage unserer Gemeinschaft – und auch unserer Toleranz – bildet.

Das Minarettverbot als Wendepunkt

In der Toleranzdebatte war (das vom Volk wuchtig angenommene) Minarettverbot der Wendepunkt: Vorher wurde kaum diskutiert, inzwischen hat die Islamfrage Priorität; welche Partei, welches Boulevardmedium kann und will es sich schon leisten, das offensichtlich populäre Thema nicht zu besetzen? Dass sich die toleranztrunkene Linke damit etwas schwerer tut, ist offensichtlich; angesichts der Burka- debatte geraten manche Frauenrechtlerinnen in arge Argumentationsnöte. Dass alle auf der Welle mitreiten wollen oder auch müssen, hindert natürlich keinen daran, dem jeweils anderen Populismus vorzuwerfen.

Die liberalen Muslime als Verbündete gewinnen

Allen Religionsgemeinschaften gehören mehr oder weniger Gläubige an, das Spektrum ist breit und offen. Das gilt auch für den Islam, und gerade hierzulande gibt es viele Menschen, die keineswegs Fundamentalisten sind, sondern sich im besten Sinne integrieren, ohne ihre Identität aufzugeben. Wir sollten uns nicht durch die in allen Medien präsentierten immer gleichen Zentralratsrepräsentanten mit ihren abstrusen Worthülsen verunsichern lassen. Schliesslich: Die Heftigkeit der Debatte über das Verbot der Burka (des sogenannten Ganzkörperschleiers) mag manchen, angesichts der wenigen Frauen, die sich hierzulande verhüllen müssen, übertrieben anmuten. «Es ist grundlegend, dass wir auf der Strasse, im Bus oder im Laden in unserm Gegenüber ein wahrnehmbares Gesicht erkennen können», löst der linksliberale Rechtsprofessor Jörg Paul Müller – ganz ohne Bezug auf Religions- oder Toleranzfragen – das Problem. Bei aller Gelassenheit müssen wir ja eines erkennen: Wer sich den Fundamentalisten entgegenstellt, der stützt die offenen und liberalen Muslime in ihrem Kampf um Toleranz und Freiheit. Mit ihnen sollten wir einen Pakt schliessen.

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