Beispielhaft – und darum relevant: Der Fall E. S. und die Medien

Natürlich sind die Vorkommnisse in China wichtiger für das Weltgeschehen, natürlich interessieren wir uns auch für den G8-Gipfel und die Folgen des Russland-Besuchs des amerikanischen Präsidenten. Das alles – und noch mehr – ist in den „Schaffhauser Nachrichten“ nachzulesen. Dies aber auch: Die Geschichte des Schaffhauser Erich Schlatter, der (auch) eine Geschichte der Journalisten und Redaktionen ist, die ihn darstellten oder es mindestens versuchten. Wir publizieren heute wie angekündigt ein Dossier zum Falls E. S., der auch ein Lehrstück für Journalisten ist. In diesem Dossier verlinken wir auch auf den Server des Schweizer Fernsehens, wo der zweite DOK-Film über Erich Schlatter noch immer zugänglich ist. Auch dieser Film ist erhellend, zeigt er doch wie der DOK-Reporter und die zuständige Redaktion mit dem heiklen Thema umgegangen ist. Dabei war das Fernsehen gewarnt gewesen: Man hatte nach der Ausstrahlung des ersten DOK-Filmes aus Schaffhausen darauf hingewiesen, dass es sich bei Herrn Schlatter um einen Menschen handelt, der behutsam behandelt werden müsste und der in ausserordentlich Zustände geraten kann, die für andere gefährlich werden können und auch schon wurden.

Skurril aber auch ein ein Artikel im „Tages Anzeiger“, wo Maurice Thiriet die unglaubliche Frage stellt: „Schweizer Fernsehen an Tötung mitschuldig?“. Aus diesem Artikel zitieren wir diese Passage, die an Merkwürdigkeit schwer zu überbieten sein drüfte: „… das Transkript des «Fortsetzung folgt»-Beitrags, in den der «Reporter»-Film integriert ist, zeigt, dass die Gefährlichkeit Schlatters nach journalistischen Kriterien korrekt gewichtet worden ist. Im insgesamt 41 Minuten dauernden Beitrag hatten Forensiker, Beamte und Opfer Schlatters insgesamt 4 Minuten und 40 Sekunden Sendezeit, um dessen Gewaltpotenzial zu thematisieren. Der Psychiater Schlatters und zwei Freunde, die Schlatter für harmlos erklären, erhielten 3 Minuten und 10 Sekunden Redezeit.“

Aha, so geht das! Da hilft nur noch das Zitat aus dem alten Juristenwitz, wo der Verteidiger so plädiert: „Die Anklage hat einen Zeugen präsentiert, der gesehen hat, dass mein Mandant eine Uhr gestohlen hat. Ich werde Ihnen, sehr geehrtes Gericht, Tausend Zeugen präsentieren, die das nicht gesehen haben.“

PS: Der Film über E.S. wurde – entgegen den Angaben des Fernsehens nicht vom Server entfernt.

Ein Kommentar zu “Beispielhaft – und darum relevant: Der Fall E. S. und die Medien

  1. Jetzt wurde der Film offenbar doch entfernt. Mit dem Vermerk: „Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen können wir diesen Video-Beitrag im Internet nicht zeigen.“ Merkwürdig, das alles.

    Zufällig habe ich mir die Doku erst gestern noch kurze angeschaut. Hätte ich es nicht getan, würde mir in dieser komischen Geschichte jetzt doch ein wesentliches Puzzleteil fehlen. Etwas schleierhaft ist mir allerdings, was der SF-Reporter hätte anders machen sollen? Zumindest wird hier insinuiert er hätte etwas falsch gemacht.

    War der Behördenhinweis auf die verschrobene Persönlichkeitsstruktur von E. Schlatter, die ja im Film durchaus thematisiert wird, Grund genug, das ebenfalls etwas merkwürdige Verhalten der Schaffhauser Behörden nicht zu thematisieren? Welche Gründe sprachen überhaupt dagegen über diesen Aussenseiter eine Doku zu drehen? Ich versteh’s nicht. Bitte um Aufklärung.

    Anstatt sich jetzt auf SF einzuschiessen, könnte man ja auch mal bei den lokalen Behörden nachfragen, warum sie die spanischen Kollegen nicht eindringlicher über diese aus ihrer Sicht allgemeingefährliche Person informiert haben?

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