Naivität im Journalismus

Der Fall des Schaffhausers Erich Schlatter, der in Valencia in Untersuchungshaft sitzt weil er verdächtigt wird, den Tod eines Mannes verschuldet zu haben, ist auch ein Lehrstück über fehlende journalistische Distanz und die mangelnde Wahrung der guten Sitten in unserem Metier. Darin verwickelt – unter anderem – das Schweizer Fernsehen und (ganz am Rand) mindestens ein zweiter Journalist.  Wir publizieren in den „Schaffhauser Nachrichten“ von morgen Mittwoch Auszüge aus dem Email-Verkehr, zwischen Erich Schlatter und seinen Helfern in der Schweiz, darunter auch der Reporter des Schweizer Fernsehen, Christian Lipp. Diese Dokumente der Hilflosigkeit des psychisch schwer kranken Mannes zeigen, wie verwirrt Erich Schlatter war und ist. Sie zeigen aber auch, dass Lipp und ein Kollege der NZZ auf dem Grat zwischen journalistischer Unabhängigkeit und Parteinnahme ausglitten.   

Für viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser war der Film des Schweizer Fernsehens über den kranken Mann, der als Stadtoriginal dargestellt wurde, ein Beispiel für  vorgefassten Journalismus. Die Filmemacher hatten ganz offensichtlich ihre Meinung über Schlatter und Schaffhausen bereits gefasst, als sie die dazu passenden Fakten zu suchen begannen. Es war die Geschichte eines unbequemen Zeitgenossen zu erzählen, der von einer untoleranten kleinbürgerlichen Stadt abgelehnt, diffamiert und weggesperrt wurde. Dass Erich Schlatter derart verwirrt war und ist, dass er Menschen schwere Körperverletzungen zufügte und jegliche Hilfe oder Betreuungsversuche scheiterten, wurde nicht gebührend erwähnt, da dies nicht zur These gepasst hätte. Man konnten diesen DOK-Film und auch die Folgedokumentation als Missbrauch eines kranken Mannes zwecks Verunglimpfung vieler Schaffhauserinnen und Schaffhauser empfinden. 

Die Folgedokumentation wurde übrigens publiziert, obwohl die zuständige Redaktion auf Grund zahlreicher Reaktionen aus Schaffhausen eigentlich gewusst haben musste, dass man Herrn Schlatter nicht dadurch gerecht werden kann, dass man ihn erneut einem Millionenpublikum vorführt.

TV-Reporter Lipp lief in unglaublicher Naivität in die selbstgestellte Falle: Er versuchte, Schlatter unter Aufgabe der journalistischen Distanz, zu helfen, sandte Geld, das offenbar beim Schweizer Fernsehen eingegangen war… bis ihm die Sache selber dann zu viel wurde und schrieb, er „verstehe überhaupt nicht, warum Du ausgerechnet Leute anpinkelst, die Dir noch wohl gesonnen sind.“

Auch in unserer Dokumentation belegt: ein Kollege, der für die NZZ arbeitet, schreibt an Schlatter: „Ich könnte einen Artikel über Sie schreiben… ich könnte mich für Ihre Bereitschaft mitzumachen auch mit einem kleineren Beitrag erkenntlich zeigen.“

Das ist wohl alles – vor allem beim NZZ-Journalisten – nicht böse gemeint. Erstaunlich aber bleibt, dass keinem auffiel, weder auf Grund von Recherchen noch von Briefen, wie schwer krank dieser Erich Schlatter ist, seine Mails sind Zeugnis einer ganz und gar verwirrten Persönlichkeit, die seine Umgebung – und offenbar auch die Journalisten – überfordert.

Ein Kommentar zu “Naivität im Journalismus

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