Auf der Suche nach der Zauberformel

Interview mit Jill Abramson über die Situation in der amerikanischen Medienlandschaft.

Von Fredy Gsteiger und Norbert Neininger.

Chefredaktorin der New York Times

Jill Abramson, Managing Editor der New York Times. Aufnahme: Norbert Neininger

Mrs Abramson, alle reden von der Zeitungskrise – Sie nicht?

Jill Abramson, Managing Editor der New York Times: Natürlich durchleben wir eine Krise, die vieles verändern wird…

… auch die New York Times?

Abramson: Ja, auch uns. Auch wir sind gefordert, auch wir müssen Kosten sparen. Wir haben jetzt grad eine Lohnsenkung um fünf Prozent akzeptiert.

Sie selber auch?

Abramson: Ja, natürlich ich auch. Aber ich bin dennoch überzeugt, dass guter Journalismus, der so genannte Qualitätsjournalismus, auch in Zukunft verlangt werden wird. Deshalb haben die Qualitätszeitungen, und dazu gehört die Times zweifellos, auch ein gute Zukunft vor sich. Und deshalb bin ich optimistisch. In einer freien Gesellschaft, in einer demokratisch organisierten Gesellschaft braucht es unabhängige Redaktionen. Wir leben darüber hinaus in einer Zeit mit zu vielen News und zu wenig Verständnis für die Zusammenhänge. Der Appetit nach sorgfältig ausgewählte Informationen, elegant geschriebenen und gut präsentierten Reportagen und Berichten ist nach wie vor gross. Ich meine dabei nicht nur Zeitungsartikel sondern denke durchaus an medienübergreifende Reportagen, die mit Videofilmen und Tondokumenten angereichert sind.

Die Menschen schätzen Qualitätsjournalismus, die Frage aber ist: wollen Sie dafür noch bezahlen?

Das klassische Geschäftsmodell der Medienunternehmen ist unter Druck, das stimmt. Deshalb erleben wir ja im Moment, dass sich viele von der Idee verabschieden, dass die Inhalte im Internet gratis sein müssen. Man ist daran, neue Konzepte dafür zu finden, wie auch im Internet für Journalismus bezahlt wird. Ich glaube nicht, dass wir das mit einem einzigen für alle gültigen Modell, einer Zauberformel, lösen können, einem Bezahlmodell also, das für alle Verlage funtkioniert. Wir haben jetzt eine Experimentierphase vor uns, wir müssen herausfinden, wofür die Konsumenten wie viel bezahlen wollen. Ich weiss nicht, wie die Lösungen aussehen werden, ich weiss nur, dass wir sie finden werden. Im Moment beschäftigen sich die intelligentestern Köpfe unseres Unternehmens mit dieser Frage. Wenn wir an der Idee des Qualitätsjournalismus festhalten, haben wir eine gute Zukunft.

Können wir die Fehler der Vergangenheit wirklich noch korrigieren?

Die Antwort ist weder ja noch nein. Ich glaube, dass es einen Markt für bestimmte journalistische Formen gibt, für andere wiederum nicht. Die Idee aber, dass niemand auf dem Netz bereit ist, für Inhalte zu bezahlen, diese Idee wird nun stark in Zweifel gezogen. Das ist nicht mehr, wie noch vor fünf Jahren, allgemein akzeptiert.

In der ganzen Branche sinken aber jetzt die Löhne, ist es denn noch möglich, die besten und begabtesten Leute für uns zu gewinnen?

Abramson: Sie sprechen da eine meiner grossen Sorgen an. Wir brauchen die grössten Talente und müssen denen auch gute Arbeitsbedingungen anbieten können. Glücklicherweise gelingt es uns noch immer, begabte Journalisten für die Mitarbeit zu begeistern.

Sie sind ein Spezialfall…

Abramson: Ja, das stimmt. Wir sind die letzten einer fast aussterbenden Art, die letzte amerikanische Qualitätszeitung mit landesweiter Verbreitung und internationaler Ausrichtung.  Und obwohl meine Kollegen Lohnkürzungen hinnehmen mussten, sind sie dennoch froh und stolz, bei der New York Times arbeiten zu können. Niemand geht weg.

Aber auch Sie mussten Leute entlassen?

Abramson: Ja, das mussten wir – aber weit weniger als andere; der Stellenabbau fand vor allem im Verlag und nicht bei der Redaktion statt.

Über das Engagement von Investoren wir Carlos Slim machen Sie sich keine Sorgen?

Abramson: Bis jetzt nicht, nein.  Herr Slim hat bei uns sein Geld angelegt und das wird gut verzinst. Und so weit ich das abschätzen kann, hat er nicht versucht, auf den Inhalt der Zeitung oder das Management Einfluss zu nehmen. Es gibt ja neben ihm noch andere grosse Investoren. Die Times ist ja mit stabilen Eigentumsverhältnissen gesegnet, sie gehört der Familie Ochs-Sulzberger seit mehr als 100 Jahren. Und auch in diesen harten, dividendenlosen Jahren, steht die Familie hinter ihrer Times.

Die Auflage der New York Times ist respektabel aber für ein Land mit rund 270 Millionen Einwohnern wiederum nicht gross. Es gibt also offenbar viele Amerikaner, die keine Qualitätszeitung lesen. Da weder das Radio noch das Fernsehen oder die lokalen Zeitungen breit über das Ausland informieren, entsteht da doch ein Problem…

Abramson: Ja, das macht mir Sorgen. Wir hatten in unserem Land viele Qualitätszeitungen wie beispielsweise den Philadelphia Inquirer oder den St. Louis Post-Dispatch; die finanzierten sich vor allem durch Rubrikeninserate. Diese sind aber nun ins Internet verschwunden. Eine einzige Rubrikenplattform – die Craigs List – hat dieses Geschäft geradezu ausradiert. Und nun gibt es Hauptstädte von Gliedstaaten, die keine eigene Zeitung mehr haben. Die Aufgabe der Journalisten ist ja, vierte Gewalt zu sein und ich fürchte, viele Medienunternehmen haben dazu nicht mehr die nötigen Mittel.

Werden wir bald zur zweigeteilten Gesellschaft, in der eine nur noch schmale Elite solche Flaggschiffzeitungen wie die New York Times liest und die anderen keine qualitativ guten Informationen mehr bekommen?

Abramson: Nun, die Times richtet sich an ein gebildetes Publikum, daneben haben wir ja auch noch Zeitungen anderer Kategorien, die mehr den Boulevardblättern in Europa gleichen. Es sollte viele verschiedene Zeitungen geben; ich stelle das mir wie ein grosses, reichhaltigen Buffet vor mit vielen verschiedenen Speisen. Und es sollte keine der Platten fehlen.

 In Philadelphia ist der Inquirer in grössten Schwierigkeiten, was ist dort geschehen?

Abramson: Der Inquirer wurde von lokalen Investoren gekauft und diese sind nun mit den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise konfrontiert. Ich hoffe, dass sie diese bewältigen – ich kann und möchte mir eine Stadt wie Philadelphia nicht ohne eine, nein, ohne mehrere, Qualitätszeitungen nicht vorstellen.

Reden wir über das Internet: Da sehen wir wenig gute Recherchen…

Abramson: Das war die Situation vor fünf Jahren, es gab damals bereits  viele Blogs, aber wenig relevante Information. Inzwischen gibt es Blogger, die durchaus guten Journalismus liefern; nehmen Sie beispielsweise Talkingpointsmemo.com, eine Online-Zeitung, die ich besonders mag: Die recherchieren gut und haben eine Methode entwickelt, mit der das Wissen der Leserinnen und Leser genutzt wird. Sie nennen das Cloud Sourcing. Das kopieren wir grad bei der New York Times.

Das hat aber nichts mit der Arbeit von erfahrenen Reportern und Korrespondenten zu tun…

Abramson: Nein, dazu braucht es Medienunternehmen, welche die Mittel und den Support zur Verfügung stellen können, welche die Kollegen in Afghanistan oder im Irak brauchen. Ohne Institutionen wie die New York Times ist das nicht möglich.

Was sagen Sie zur These, dass zwar die Newspapers insgesamt nicht verschwinden werden, aber vielleicht ein Teil davon, das Paper?

Abramson: Das ist möglich. Aber bedenken Sie folgendes 830’000 Leute bezahlen nun einigermassen viel Geld, um das Pivileg zu haben, die gedruckte New York Times zu lesenn. Sie wollen es so und nicht anders und solange das so ist, werden wir ihnen das liefern, was sie wollen.

Wäre es möglich, den Preis zu erhöhen?

Abramson: Das haben wir gerade jetzt ab Juni getan…

Und dennoch ist die Times noch immer billiger als ein Sandwich…

Abramson: Meine beste Freundin sagt immer, die New York Times ist „the best time you can have for a dollar“.

Mrs Abramson, wir danken für das Gespräch.*

* Das Interview wurde am Rand des Kongresses des Internationalen Presseinstituts in Helsinki geführt und wird in den „Schaffhauser Nachrichten“ und im Medienmagazin „Persönlich“ publiziert.

Ein paar Artikel von Jill Abramson hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s