Vordergasse 2009

Meine wöchentliche Kolumne in den SN, 14.2.2009

Noch steht nicht fest, was am Montag in Zürich-Stettbach wirklich geschehen ist. Fest steht, dass eine junge Frau die Polizei um Hilfe rief und verletzt aufgefunden wurde. Fest steht auch, dass die Brasilianerin angab, drei Männer hätten sie überfallen und ihr diese Verletzungen zugeführt, in der Folge habe sie auch ein Fehlgeburt erlitten. Und fest steht schliesslich, dass die Polizei zweifelt, ob dies alles sich wie geschildert zugetragen hat. Bei solcher Faktenlage wäre journalistische Zurückhaltung angebracht. Was aber lasen wir? «Brutaler Überfall auf Schwangere» («Berner Zeitung») oder «Schwangere Paula verstümmelt» («Blick»). Das Tempo, so wissen wir, ist oft der Feind der journalistischen Genauigkeit.

Der Inserateteil einer Zeitung sagt viel über ihre Region aus. Aufschlussreich sind denn auch die Annoncen im «Anzeiger von Saanen», der «Zeitung für die Gemeinden Gstaad, Saanen, Gsteig und Lauenen». Wer sich beispielsweise mit dem Gedanken trägt, hier ein Chalet zu erwerben, findet in der neusten Ausgabe eines der Holzhäuser zum Preis von 4,9 Millionen Franken angeboten; eine 60-Quadratmeter-Wohnung (2 Zimmer) gibt’s in Gstaad bereits für 790 000 Franken. Doch bevor man meinen könnte, die Gstaader hätten alle jeglichen Bezug zur Realität verloren, entdeckt man noch in derselben Nummer folgendes Inserat: «Zu verkaufen Kuhkalb, 3 Wochen alt, Mutter 443493 P, 1000 Franken.» 

 

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