Zeitungen am Staatstropf

In die jetzt anlaufende Debatte über die Staatshilfe für verschiedene Branchen/Firmen passt folgender aufschlussreicher Artikel aus „Futurzone@orf.at von Gerald Heidegger“

New York Times“ bald öffentlich-rechtlich?

Öffentlich-rechtliche Stiftung statt privatwirtschaftlicher Konzern: Zwei US-Finanzanalysten wollen das Rezept für den Weg aus der Krise für die Giganten des US-Printwesens gefunden haben. „New York Times“, „Washington Post “ und Co. sollten in Non-Profit-Organisationen verwandelt werden, so ihr Vorschlag. Andernfalls sei die US-Demokratie in Gefahr.

„Wenn ein neues Medium in den Raum tritt, werden einem die Grundeigenschaften des ‚älteren‘ Mediums stärker bewusst“, war sich der kanadische Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan schon 1960 im Rahmen eines Diskussionspanels sicher. Auf die Gegenwart umgelegt, könnte dieser Befund lauten: Die Verbreitung von Online-Medien rückte nicht nur die – auch physische – Qualität von Zeitungen wieder stärker ins Bewusstsein (die Retypografisierung mancher Zeitung und auch der verstärkte Einsatz von Serifenschrift auf vielen Websites mögen Indizien für diesen Befund sein). Freilich bleibt die Komplikation hinter der Bewusstwerdung eigener Printqualitäten, dass mancher Zeitung der wirtschaftliche Atem fehlt, weil die Erträge aus dem Online-Geschäft nicht die Anzeigenverluste aus dem Printbereich wettmachen können.

 

Insofern erfüllen auch die Ankündigungen rund um die wirtschaftliche Krise der „New York Times“, die „Gray Lady“ könne das Flaggschiff des Qualitätsjournalismus auch mit einer ausschließlichen Online-Ausgabe sein, fast niemanden mit Glauben. Die zuletzt von der „Times“-Firmenchefin Janet Robinson wieder in Erinnerung gebrachte „Last Man Standing“-Taktik ihres Hauses, wonach die „New York Times“ mit ihrem Journalismus die Lücke der sterbenden Konkurrenten füllen könne, geht im Moment ohnedies nur mit dem zugeschossenen Kapital des Mexikaners Carlos Slim auf.

So entwickelt sich seit Ende Jänner eine für US-Verhältnisse beachtenswerte Debatte, weil sie ausgerechnet von zwei Finanzanalysten in einem Gastkommentar in der „New York Times“ selbst losgetreten wurde. Zeitungen wie die „New York Times“ sollten in geförderte, Non-Profit-Organisationen verwandelt werden, forderten David Swensen („Pioneering Portfolio Management“) und sein Kollege Michael Schmidt. Beide verweisen auf Thomas Jefferson und sein Diktum, er würde im Notfall ein Land, das zwar Zeitungen, aber keine Regierung habe, in jedem Fall einem Land vorziehen, in dem es eine Regierung ohne Zeitungen gebe.

„Wenn Jefferson recht hatte, dass ein wohl informiertes Bürgertum die Grundlage unserer Demokratie ist, dann müssen Zeitungen gerettet werden“, so Swensen und Schmidt.

Förderte man die „kostbarsten Quellen“ der Nachrichten und befreite sie von den Beschränkungen eines „obsoleten Businessmodells“, würde man den Zeitungen einen garantierten festen Platz in der Mitte der Gesellschaft einräumen. Wie die Universitäten sollten die Zeitungen auch finanziert und unterstützt werden, lautet die Forderung von Swensen, der ja zugleich Investmentdirektor der Yale University ist (in dieser Funktion aber auch, wie Kritiker seines Beitrages hämisch anmerkten, in der letzten Zeit eine Menge Geld in den Sand gesetzt habe).

Für Flaggschiffe wie die „New York Times“ kalkulierten Swensen und Schmidt einen Förderbetrag von fünf Milliarden Dollar: „Viele Zeitungen werden den digitalen Sturm nicht alleine überstehen können. Nur eine Handvoll Stiftungen und reicher Individuen hat die Mittel in der Hand, unsere Nachrichteninstitutionen aufrechtzuerhalten.“

Die Debatte war gestartet. Steven Coll, zweifacher Pulitzer-Preisträger und einstiger Mitherausgeber der „Washington Post“, stieß im „New Yorker“ in ein ähnliches Horn. Seit seinem Abgang von der „Post“ habe er darüber nachgedacht, wie man die Zeitung in eine Non-Profit-Organisation im Status einer Universität verwandeln könnte: „Hätte die ‚Washington Post‘ eine Dotierung von zwei Milliarden Dollar, könnte sie einen sehr gesunden Newsroom unterhalten.“

Die Kritik ließ freilich auch nicht lange auf sich warten. Der Blogger Howard Weaver nannte die „Foundation Fans“ Menschen, „die sich einen Milliardär herbeiwünschen, nur, um sich nicht ändern zu müssen“. Und Jack Shafer stieß in „Slate“ nach, dass die Debatte, wie eine Qualitätszeitung auszusehen habe, zu sehr auf Erinnerungen der Vergangenheit beruhe, in der es keine Problem gegeben habe, Zeitungen zu drucken und zu verteilen oder neue Auslandsbüros aufzumachen.

In der Non-Profit-Debatte fehle ein Hinweis darauf, warum sich nicht genug Kunden fänden, die bereit wären, für diese als so wichtig gepriesenen Nachrichteninstitutionen entsprechend zu zahlen, so Shafer. Vor allem aber stelle sich die Frage, wem gegenüber sich dann die Verantwortlichen einer Zeitung rechtzufertigen hätten: Gegenüber einem Förderer im Zuschnitt eines Warren Buffett oder Bill Gates – oder gegenüber der Leserschaft? Auch stelle sich die Frage, wie frei leitende Mitarbeiter ausgesucht würden – und wen diese Mitarbeiter wieder einstellen würden.

Jonathan Weber schlug in „The Big Money“ in eine ähnliche Kerbe: Wie könne eine Zeitung ohne Marktdisziplin wissen, dass sie wirtschaftlichen Erfolg habe oder nicht?

Im Bereich der Einkünfte für die Zeitungen bleiben die Verfechter der Non-Profit-These ohnedies ungenau. Swensen und Schmidt sprechen von zu erwartenden „steigenden Einkünften aus Hard-Copy-Verkäufen und Online-Abos“. Bei Letzterem zeigt sich aber die Crux: Wenn es vergleichbare Angebote im Netz frei verfügbar gibt, werden die Leser auch weiter nicht bereit sein, entsprechende Online-Subskriptionen einzugehen, wie ja die Problematik bei „Times Select“ gezeigt hatte.

Überhaupt bleiben die Online-Aktivitäten der „NYT“ in dieser Debatte unhinterfragt, etwa die Investitionen Hunderter Millionen in Portal-Träume wie About.com. Wie andere Medienhäuser auch hat sich die „NYT“ gerne blenden lassen von Online-Währungen wie Pageimpressions, Visits und Unique Clients. Laut Google Adplanner hatte die Online-Ausgabe der „NYT“ im Oktober 2008 1,4 Millionen tägliche Leser. Die Print-Ausgabe erreicht wochentags 2,92 Mio. Leser, am Wochenende 4,13 Mio. Leser. Rechnet man das mit dem qualitativen Unterschied eines Online-Nutzers, der im Schnitt drei bis vier Artikel pro Tag der „NYT“ liest (und den daher immer nur entsprechend wenige Ads erreichen) gegen mit einem Print-Leser, der schon beim Durchblättern der Zeitung an einem viel höheren Anteil an Klein- und Großinseraten vorbeikommt, dann lässt sich eruieren, warum sich mit einer Gratis-Online-Ausgabe auf lange Sicht nicht der Qualitätsstandard des Print-Formats halten lassen wird.

Zudem negiert Googles Online-Werbemodell das Werbeumfeld. Für Google sind die Augenpaare, die man beispielsweise von einer Porno-Website bekommt, genauso kostbar wie jene, die man von einer klassischen „Medien“-Seite auf sich zieht.

Für den Augenblick bleibt aus europäischer Sicht die lose Erkenntnis: In einer Zeit, da die Milliarden des Staates für Banken und Automobilindustrie über Nacht lockergemacht werden, entdeckt mancher in den USA für die Rettung der Printsaurier offenbar den Geist des Öffentlich-Rechtlichen. Man könnte freilich aus US-Sicht einen genaueren Blick auf die europäische Print-Landschaft werfen, wo es das Stiftungsmodell bei mancher Qualitätszeitung schon seit längerem gibt.

Gerald Heidegger, futurezone@orf.at

 

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