13. Dezember 2009

Heute für einmal keine Lektüre der Sonntagszeitungen… aber die Links stattdessen

Für einmal hat heute die Zeit für eine sorgfältige Lektüre der Sonntagszeitungen nicht gereicht und also gibt es keine entsprechende Zusammenfassung/Blattkritik.

Hier nun – stattdessen – die Links zu:

Der Sonntag

Sonntagszeitung

Sonntagsblick

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Und am nächsten Wochenende geht es dann im gewohnten Stil weiter.

Norbert Neininger


6. Dezember 2009

Kommentare zum Minarettverbot oder durch den „heilsamen Schock… verfestigt sich ein unschönes Bild.“

In den Sonntagszeitungen ist die wuchtige Annahme des Minarettverbots – natürlich – das Hauptthema. Ausser beim „Sonntagsblick“. Doch dazu später.


Vorbemerkung: Auch die Redaktion der „Schaffhauser Nachrichten“ hatte nach einer intensiven internen Diskussion die Initiative zur Ablehnung empfohlen. Sie löse, so war man sich einig, keine Probleme. Gleichzeitig stellten wir fest, dass wir eben diesen Problemen, die zur Initiative führten, nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Wir hatten uns dann entschlossen, die Debatte offen und ohne Scheuklappen zu führen und veranstalteten unter anderem eine – auch am Fernsehen übertragene Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern – bei uns im Zunftsaal.

Das – gerade in Schaffhausen und im Thurgau – überdeutliche Resultat hat uns dann alle überrascht, die einen etwas weniger, die anderen etwas mehr. Noch mehr überrascht aber hat uns die Reaktion vieler Kolleginnen und Kollegen, die einer wahren Volksbeschimpfung gleichkam. In einem Kommentar und einem Leitartikel habe ich unsere Haltung dargelegt: Eine (deutliche) Mehrheit hat entschieden, nun gilt es – mit einem degaullschen „Je vous ai compris“   den Auftrag der Mehrheit zu erfüllen.


Heute kommentieren die Sonntagszeitungen dann weitgehend ähnlich, wobei sich die „Sonntagszeitung“ etwas gar windet: Das Abstimmungsresultat sei, so schreibt Chefredaktor Andreas Durisch, ein „heilsamer Schock.“ Und schränkt dann wiederum ein, damit verfestige sich ein „unschönes Bild der Schweiz.“ Für einmal kann man Tamedia jedenfalls nicht vorwerfen, es werde Konzernjournalismus betrieben. Der „Tages Anzeiger“ führte eine regelrechte Kampagne gegen die Initiative, war für ein Verbot der Plakate und sorgte mit seiner Weigerung, das entsprechende Inserat zu publizieren dafür, dass sich die Initianten das Geld sparen konnten. Das Inserat wurde durch die redaktionelle Debatte – ein uralter Trick – innert Tagen bekannt, ohne dass es irgendwo geschaltet hätte werden müssen.

Sagen wir es deutsch und deutlich: nicht nur die Classe politique sondern auch wir, die – mit Ausnahme der „Weltwoche“ – im Mainstream treibenden Medien der Schweiz waren weit weg von des Volkes Stimmung und haben diese falsch eingeschätzt. Da kann man vielleicht einen Teil der Schuld noch dem unsäglichen Claude Longchamp in seine Flip Flops schieben,  insgesamt aber hat sich wieder einmal gezeigt, wie weit die veröffentlichte und die öffentliche Meinung auseinander klaffen.

Die Regierung kann sich kein anderes Volk wählen, das Volk aber kann andere Politiker wählen. Und jene deutliche Mehrheit der politisch aktiven Schweizerinnen und Schweizer (welche ja die genannten Medienkonsumenten sind) wird sich nicht auf Dauer als hinterwäldlerisch und „bildungsfern“ (sprich dumm) verunglimpfen lassen. Weder von den Politikern noch von den Medien.

Patrik Müllers Kommentar im „Sonntag“: Mehr Gelassenheit und: Den Volksentscheid umsetzen. Eigentlich Selbstverständlichkeiten…


Natürlich kann man niemanden böse sein, wenn er einen Volksentscheid per Volksentscheid korrigieren will. Dass dies kaum Chancen hat, ist ja offensichtlich. Das ist schlechter Stil aber immer noch besser als der Gang zum (fremden) Kadi, den Bundesrat Leuenberger (in einem Interview im Sonntag) fordert:


Leuenberger: „Gleich zu Beginn für ungültig erklären…“

Und die NZZ am Sonntag. Auch hier eine ganze Reihe von Artikeln und Kommentare zum Minarettverbot:

Und Chefredaktor Felix E. Müller hat die Niederlage ganz offensichtlich schlecht verdaut, schreibt er doch: „Die Annahme der Minarett-Initiative verstärkt den Trend, mit Mitteln der direkten Demokratie gegen bestimmte Personengruppen vorzugehen.“ Welcher Trend? Welche Gruppen?

Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung macht mit der Minarettfrage auf. Und kommentiert ganz gelassen: „Es soll in der Schweiz keine Minarette geben. Die Religionsfreiheit besteht aber weiter.“

Und der Sonntagsblick? Das ist die heutige Titelseite:

Im innern des Blattes aber kommentiert Chefredaktor Hannes Britschgi dann, besonnen wie immer, das Resultat sei „gut demokratisch“ zu akzeptieren. Und dann schreibt Frank A. Meyer noch (auf nahezu einer halbformatgrossen Doppelseite), dass er – unter anderem – über das „Manifest von Prominenten aus Kultur und Politik“ „sprachlos, fassungslos“  sei. Gehörten doch „von mir hochgeschätzte Persönlichkeiten wie alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, aber auch mein inniger Freund, der Schriftsteller Adolf Muschg“ zu den Unterzeichnenden.

Womit wir es schwarz auf weiss in den Händen halten: Frank A. Meyer gehört nicht zu den „Prominenten aus Kultur und Politik.“

Die wahre Überraschung aber ist die Aussage von Swissmem-Präsident Johann Schneider-Amann, die Wirtschaftskrise werde 2010 „noch schlimmer.“ Es brauche nun Bundesgarantien in Milliardenhöhe.

Norbert Neininger



4. Dezember 2009

Leitartikel: Integration fordern

Der guten Ordnung halber sei (noch einmal) festgehalten: Die Redaktion der «Schaffhauser Nachrichten» hatte die Ablehnung des Minarett-Verbots empfohlen. Das  Verbot schien uns eine ungeeignete Massnahme,  um die offensichtlichen Probleme zu lösen, welche zu dieser Initiative (und nun auch zu ihrer Annahme) führten. Dies ist aber nach diesem Wochenende völlig unwichtig. Allen bleibt jetzt nur eines übrig: Den Volksentscheid zu akzeptieren und das Verbot umzusetzen.

Von schlechten Verlierern und schlechten Gewinnern

Bei Abstimmungen gibt es Gewinner und Verlierer und es gibt sowohl schlechte Verlierer wie auch schlechte Gewinner. Je heisser und leidenschaftlicher der Abstimmungskampf und je überraschender und/oder knapper der Ausgang, umso länger dauert jeweilen die Akzeptanzphase der Verlierer. Und wer kann es da den Gewinnern verübeln, dass sie ihrer Freude etwas gar lautstark Ausdruck geben? Das, auch das, gehört zur direkten Demokratie und ist nicht weiter besorgniserregend. Doch diesmal ist die nachgelagerte Debatte besonders heftig und von neuer Qualität: Die Befürworter des Minarettverbots werden als «bildungsfern» (politisch korrekt für dumm) oder  auf dem Land wohnend (also hinterwäldlerisch) verunglimpft und es wird ein Graben zwischen ihnen und der weltoffenen, modernen Schweiz konstruiert.

Wenn die öffentliche und die veröffentlichte Meinung divergieren

Die Mehrheitsbeschimpfung aber macht wenig Sinn. An ihre Stelle sollte die unvoreingenommene Suche nach den Gründen für den überraschenden Ausgang dieser Abstimmung treten. Wer in seiner Prognose besonders weit daneben lag – und dazu gehören fast alle Politiker und alle Medienschaffenden –, muss sich jetzt besonders emsig und neugierig an die Analyse machen. Ganz offensichtlich klafften, wieder einmal,  die veröffentlichte und die öffentliche Meinung weit auseinander. Und ganz offensichtlich wollten und wollen die Bürgerinnen und Bürger (mindestens) ein Zeichen setzen, ein Zeichen gegen fehlende Integrationsbereitschaft, gegen die Missachtung unserer Sitten und Gebräuche und auch gegen die Akzeptanz von Symbolen einer Religion, die – streng genommen – unserer aufgeklärten  Gesellschaftsidee in weiten Teilen widerspricht.

Volksbefragungen im Ausland würden ähnliche Resultate erzielen

Das Ja zum Minarettverbot mag viele Ursachen haben, ein Zeichen für Fremdenfeindlichkeit oder gar die Gefährdung der Religionsfreiheit ist es jedoch nicht. Und die teilweise überbordende Kritik des Auslands brauchen wir uns nicht zu Herzen zu nehmen. Alles deutet darauf hin, dass Volksbefragungen in unseren Nachbarländern ähnliche Ergebnisse zeigen würden, obwohl die Nachbarstaaten einen geringeren Ausländeranteil aufweisen. Dieses Wagnis geht man dort daher erst gar nicht ein. Die Schweiz hat – und auch das mag mit ein Grund für die Annahme der Initiative gewesen sein – ihre Grenzen etwas gar weit geöffnet und von der Bevölkerung auch etwas gar viel Toleranz verlangt. Und, nein, es waren nicht (nur) die nationalkonservativen SVP – Wählerinnen und Wähler, welche das Minarettverbot annahmen; es waren natürlich Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aus allen Lagern. Und wir dürfen daher davon ausgehen, dass nun auch die anderen Parteien ihre Ausländer- und Zuwanderungspolitik  überdenken und mehr oder weniger schnell und konsequent dem Volkswillen anpassen. Und es wird dabei unvermeidlich sein, dass nach CVP-Präsident Darbellay die  Opportunisten ihre Fahne in den Wind hängen und über das Ziel hinausschiessen.

Konsequenzen ziehen statt fremde Richter anrufen

Wer einen Volksentscheid umstossen will, hat in unserer direkten Demokratie die Möglichkeit, diesen gelegentlich wieder zur Debatte zu stellen: Er braucht dazu schlicht und einfach eine genügende Anzahl Schweizerinnen und Schweizer, die seine Überzeugung teilen. Und die beste Voraussetzung dazu wäre, wenn jetzt die Konsequenzen aus der Abstimmung gezogen und die Integration der Muslime nicht nur gefördert, sondern vor allem gefordert würde. Wer aber zum fremden Richter rennt oder gar die direkte Demokratie abschaffen will, der wird – glücklicherweise – spätestens bei den nächsten Wahlen ganz kläglich scheitern.

Norbert Neininger

1. Dezember 2009

Demokratie, die schmerzt

„Demokratie, die schmerzt“ - Mit diesem Titel blickt der „Bote vom Untersee und Rhein“, eine Lokalzeitung mit ein paar Tausend Exemplaren Auflage, auf das Abstimmungswochenende zurück. „Gestorben ist die Hoffnung“, resümiert Redaktor Stefan Hilzinger in seinem Anstimmungskommentar zutiefst enttäuscht und analysiert dann schlüssig, wie es soweit kommen konnte: „Spät erst hat sich in unserer Region ein engagierter Widerstand gegen das Vorhaben formiert“ und deshalb sei es schwierig gewesen, „das Ruder noch rumzureissen.“ Und jetzt? Fordert nun  die in vielen Abstimmungskämpfen erprobte kleine Schweizer Zeitung auch, man müsse die Gerichte anrufen, um den Entscheid irgendwie zu drehen?  Will auch Hilzinger die direkte Demokratie abschaffen oder wenigstens relativieren? Nein, der Kommentar über die „Demokratie, die schmerzt“ schliesst ganz anders, nämlich so: Man müsse sich nun den neuen Gegebenheiten anpassen.

Das sei hier – als kleine Lektion zur direkten Demokratie schweizerischer Prägung – dargestellt. Wer nämlich die Debatten über den Ausgang der Minarett-Verbotsinitiative jetzt mitverfolgt, den schaudert’s: Sie ist von einem tiefen Unverständnis unserer politischen Kultur geprägt. Wir stimmen hierzulande über unsere Steuern ab (und stimmen Steuererhöhungen oft zu), es gab schon Abstimmungen über die Abschaffung der Schweizer Armee (wurde knapp abgelehnt) und es werden sogar die Lehrer in vielen Gemeinden von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt.

Das hat Vor- und Nachteile, eines aber steht fest: Was die Schweiz tut, ist bei ihren Bürgerinnen und Bürgern verankert. Wir sind nicht in der Europäischen Union, weil wir es mehrheitlich nicht wollen. Könnte es sein, dass dies bei Mitgliedsstaaten ganz anders ist? Und, auch das sei gesagt: Nach einem Volksentscheid akzeptieren die Schweizerinnen und Schweizer, was die Mehrheit entschieden hat. Da wird zwar (in den Analysen) noch kurz kritisiert aber – bis zum nächsten Mal – herrscht dann Ruhe im Land.

Norbert Neininger

PS: Es ging beim erwähnten Lehr-Beispiel nicht um das Minarettverbot sondern um die Abschaffung der Bezirke Steckborn und Diessenhofen, die nun in grösseren Einheiten aufgehen und „von der Landkarte“ verschwinden. Eine Katastrophe für viele Menschen, die sich über Jahrhunderte in diesen Strukturen heimisch und zu Hause fühlten.

29. November 2009

Kommentar zum Minarettverbot: Man haut den Sack und meint den Esel

An diesem Abstimmungs/Wahl-Wochenende hatte ich keine Zeit, die Lektüre der Sonntagszeitungen zu beschreiben. Stattdessen hier mein Kommentar für die Schaffhauser Nachrichten, welche die  Initiative abgelehnt hatten.

Von Norbert Neininger

Die wuchtige Annahme der Minarettverbotsinitiative hat uns alle (offenbar auch ihre Urheber) überrascht. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben sich gegen die Empfehlungen des Bundesrats, des Parlaments und – mit Ausnahme der Initianten SVP und EDU – aller Parteien entschieden und sich auch von den Mahnungen und Kommentaren der (mit Ausnahme der „Weltwoche“) vereinten Schweizer Medien nicht beeinflussen lassen.  Zu gross ist ganz offensichtlich das Unbehagen, zu gering das Vertrauen in eine Classe Politique, welche die Sorgen, Nöte und Ängste einer Mehrheit der Bevölkerung allzu lange ignoriert hat. Und das sind, anders als es gestern zu hören war, keine diffusen sondern konkrete Befürchtungen: Es ist die Angst vor einem fundamentalistischen Islam, der sich auch hierzulande mit Zwangsheiraten, Kopftuchzwang und Mädchenbeschneidung etablieren könnte und die Rechte der Frauen missachtet; es ist die Besorgnis darüber, dass – Beispiel in der Schule – unsere Sitten und Gebräuche nicht mehr gelebt und unsere Regeln nicht beachtet werden.

Natürlich kann ein Minarettverbot weder diese Probleme lösen noch dafür sorgen, dass der Bundesrat aufhört, vor dem iranischen oder dem libyschen Despoten den Kotau zu machen. Man darf aber davon ausgehen, dass nach dem gestrigen Tabubruch die Probleme der Integration offener und transparenter diskutiert werden. Dem kann sich keine Partei verweigern.

Nun brauchen wir ein Bündnis mit den liberalen Muslimen gegen die Fundamentalisten. Wir brauchen einen Bundesrat, der sich seines Volkes nicht schämt und auch nicht darauf hofft, dass der Europäische Menschenrechtsgerichtshof diesen Volksentscheid kassiert. Die Politiker müssen begreifen, dass der Sack geschlagen wurde, der Esel aber gemeint war.

27. November 2009

Das Broder – Interview… oder von einem, der nicht locker lässt.

«Ich lasse gerne grosse Glocken läuten»

«Machen Sie doch gelegentlich den Antisemitismus-Test, und sagen Sie einfach mal: Die Zuckerbäcker und die Juden sind an allem schuld. Dann werden die Leute sofort zurückfragen: Warum die Zuckerbäcker?»Bilder Marie-Christine Neininger

Legende: «Machen Sie doch gelegentlich den Antisemitismus-Test, und sagen Sie einfach mal: Die Zuckerbäcker und die Juden sind an allem schuld. Dann werden die Leute sofort zurückfragen: Warum die Zuckerbäcker?»

Der deutsche Publizist Henryk M. Broder ist ein leidenschaftlicher, streitlustiger Bestsellerautor und ein bewunderter, aber auch gefürchteter Polemiker. Er wurde mit Preisen geehrt und von den Gralshütern der Political Correctness verunglimpft. Wir haben uns mit Broder, der heute nach Diessenhofen kommt, über sein Leben und Werk unterhalten.

VON NORBERT NEININGER

Sie sind, Herr Broder, ausserordentlich produktiv: Sie schreiben, kommentieren, geben Interviews und halten – wie heute abend in Diessenhofen – Vorträge. Wie bewältigen Sie all dies?

Henryk M. Broder: Indem ich sieben Tage die Woche arbeite. Und zwar in zwei Schichten zu sieben Stunden pro Tag, unterbrochen von einem Kaffeehausbesuch.

Keine Freizeit?

Broder: Nein, da halte ich es mit jener Hochschullehrerin in Indien, die ich auf meiner jüngsten Reise letzte Woche kennenlernte. Sie kennt Marx und Hegel und Kant und beherrscht die deutsche Sprache und versteht unsere Kultur. Nur ein Wort hatte sie nicht begriffen: Freizeitgestaltung. Als ich es ihr erklärte, meinte sie nur: Wenn Euch die Freizeit so viel Mühe macht, könnt Ihr doch stattdessen arbeiten.

Warum arbeiten Sie derart viel?

Broder: Ich arbeite einfach gerne. Ich versuche wohl, vor mir selber wegzulaufen …

Ein aussichtsloses Unterfangen …

Broder: Ja, offensichtlich. Die Zeit wird, wenn man 63 ist, knapp. Und ich habe noch so viele Bücher nicht geschrieben, so viele Orte nicht besucht und so viele Ideen nicht verwirklicht.

Das Alter …

Broder: Verdränge ich.

Fällt Ihnen das Schreiben leicht?

Broder: Ja. Bevor ich aber zu schreiben beginne, habe ich mir die Dinge bereits überlegt und zurechtgelegt, habe lange nachgedacht.

Es gibt ja Schriftsteller, die ohne Anstoss nicht arbeiten können.

Broder: Ich weiss, was Sie meinen. Wenn mein Adrenalinspiegel früher zu tief war, rief ich meine Mutter an. Da konnte ich mich dann aufregen. Jetzt ist es meine Frau, die ich anrufe. Funktioniert auch ganz gut …

Streiten Sie eigentlich gerne, Herr Broder?

Broder: Nein, ich bin ein friedliebender Mensch …

Und doch legen Sie sich immer wieder an …

Broder: Sehen Sie, viele Leute haben doch das sichere Gefühl, dass sie verarscht werden in dieser Welt. Sie setzen sich aber dennoch nicht zur Wehr. Es ist ihnen egal, oder sie haben die nötige Energie und Kraft nicht, oder es ist ihnen zu riskant. Ich hingegen wehre mich, rege mich auf und tue das in aller Offenheit. Und ich reg mich gerne auf, ja.

Und Sie fürchten die Folgen nicht?

Broder: Nein, ich habe keine Angst und brauche auch keine Angst zu haben. In den letzten Jahren habe ich nur eine einzige ernstzunehmende Morddrohung bekommen. Einen 25-seitigen, in hervorragendem Deutsch geschriebenen Hassbrief, in dem mir genau erklärt wird, auf welch bestialische Art und Weise der Verfasser mich quälen will.

Dennoch: In einer Zeit, wo jeder stellvertretende Bürgermeister ein oder zwei Bodyguards hat, treten Sie schutzlos auf.

Broder: Ach, diese Bodyguards sind doch nur ein Statussymbol als Ersatz für die grossen Limousinen, seit die Politiker diese idiotischen kleinen japanischen Ökoautos fahren müssen. Im übrigen ist man auf der Bühne im Rampenlicht sehr sicher … Und wenn schon Bodyguards, dann höchstens die Truppe von Ghadhafi …

Sind Sie mutig?

Broder: Nein. Wenn schon Schauspielerinnen wie Iris Berben für ihren Mut gelobt werden, dann will ich das Wort Mut nicht mehr hören. Heute besteht doch Mut darin, dass man die eine oder andere Einladung zu einer Party nicht annimmt. Wenn ich wirklich mutig wäre, würde ich all diesen Zirkus hier beenden und mich nach Island zurückziehen und schweigen.

Gut, Sie sind also nicht streitlustig und nicht mutig. Aber als harmoniesüchtig würde ich Sie auch nicht gerade bezeichnen …

Broder: Nein, diesen Vorwurf kann man mir schlecht machen … Ich gehe Konflikten nicht aus dem Weg, das stimmt. Und das hat nichts mit meiner Herkunft zu tun oder der Tatsache, dass meine Eltern Holocaustopfer waren. Ich kenne Kinder von Holocaustopfern, die Duckmäuser und Feiglinge sind. Mich hat anderes geprägt, etwa die Tatsache, dass ich als Kleinster immer übrigblieb, wenn die Mannschaften für Völkerball zusammengestellt wurden; mich wollte keiner. Und dann hatte ich noch Asthma, welches mit dem Tod meiner Eltern verschwand. Wäre das alles nicht gewesen, würde ich heute wohl auch Porsche fahren und Tennis und Golf spielen. Wäre auch ganz o. k.

Wer sich so oft und heftig mit anderen anlegt, muss auch in Kauf nehmen, dass er unbeliebt wird …

Broder: Ich bin nicht unbeliebt, werde oft eingeladen, bekomme geradezu rührende Briefe. Aber manche mögen mich nicht, weil ich Dinge tue und sage, die sie selber sich nicht getrauen zu tun oder zu sagen. Mir hingegen macht das Spass …

Spass?

Broder: Ja, Spass ist wichtig. Ich hüte mich deshalb vor zwei Kategorien von Menschen: vor jenen, die das Gefühl haben, sie würden ständig betrogen, und vor jenen, die immer betonen, sie würden sich für eine Sache opfern. Mit denen will ich nichts zu tun haben, das sind Gemütsvampire, die einen aussaugen.

Nun kommen Sie heute abend nach Diessenhofen in die Schweiz. Kennen Sie unser Land?

Broder: Kennen ist zu viel gesagt. Die Schweiz ist für mich auch nach all den Besuchen ein grosses Mysterium. Ich werde beispielsweise nie verstehen, warum es Wahlen gibt, wenn sich die Zusammensetzung der Regierung doch nie ändert. Aber ich bewundere die Schweiz, weil sie – wie übrigens Island – absolut immun gegen Faschismus ist. Und ich habe grossen Respekt vor der schweizerischen direkten Demokratie …

Wir stimmen ja am kommenden Wochenende darüber ab, ob Minarette in der Schweiz verboten werden sollen. Was halten Sie von dieser Initiative?

Broder: Ich verstehe das nicht. Geht es da nun um ein Verbot für Moscheen oder um ein Verbot für Minarette? Ich habe nichts gegen Moscheen und Minarette. Die Muslime sollen ihre Religion ausüben dürfen, wie alle anderen auch. Aber wir müssen wissen, was in diesen Moscheen geschieht und wer sie finanziert. Und ich beharre darauf, dass wir dasselbe Recht bekommen. Es ist wie mit den Landerechten: Saudi Air darf in Zürich landen, die Swiss in Riad. So geht das. Wir sollten nicht ständig Vorleistungen erbringen ohne Gegenleistung.

Aber es geht doch um Toleranz …

Broder: Toleranz gegenüber Menschen und Kulturen, die selber nicht tolerant sind, ist Selbstmord auf Raten.

Worin liegt denn der Hauptunterschied zwischen dem Islam und uns?

Broder: Im Islam hat keine Säkularisierung stattgefunden, es hat keine Neuinterpretation gegeben, keine Verweltlichung, keine Aufklärung. Es gab dort keinen Mendelssohn, keinen Luther und auch keine bibelkritische Auslegung, welche die Schrift nicht wörtlich nimmt. Da, wo die Schrift wörtlich genommen wird, kommt es auch bei Juden und Christen zu Katastrophen … Das ist allerdings die Ausnahme, im Islam sind sie Mainstream.

Sie sagen selber, dass christliche Fundamentalisten – etwa jene, die Abtreibungskliniken in die Luft sprengen – eine Gefahr darstellen …

Broder: Noch einmal: Das ist die Ausnahme. Gab es in der letzten Zeit eine christliche Terroristengruppe, die Leuten live im Internet die Köpfe abgehauen hat? Dass die islamische beziehungsweise die arabische Kultur Gewalt akzeptiert, ist offensichtlich. Es gibt dort die Todesstrafe, es werden Hände abgehackt am Freitagnachmittag, Homosexuelle werden öffentlich gehängt, Frauen ausgepeitscht und gesteinigt …

Die Befürworter der Initiative wollen ja ein Zeichen setzen gegen die befürchtete Islamisierung der Schweiz …

Broder: Das ist verständlich, aber es ist ein hilfloses Zeichen. Man soll über die Unterdrückung der Frauen im Islam, über vermummte Frauen, über Zwangsehen und den Fanatismus reden, das sind die wahren Probleme. Das Türmchen gehört nicht dazu. Man diskutiert jetzt über die Spitze des Eisbergs, nicht aber über den Eisberg selber. Die Schweiz hätte doch mit dem Islam andere Themen, etwa Calmy-Reys Kotau vor dem iranischen Diktator Ahmadinedschad oder die Tatsache, dass die Schweiz nicht in der Lage ist, gegen Libyen genügend Druck aufzusetzen, damit die Schweizer Geiseln freikommen. Das ist ein blamables Trauerspiel. Stattdessen diskutiert man nun über Minarette in der Schweiz. Bedenklich finde ich in diesem Zusammenhang aber, dass Frau Calmy-Rey bereits im Vorfeld auf die negativen Auswirkungen einer Annahme der Initiative auf die Schweizer Wirtschaft hinweist.

Warum?

Broder: Erstens baut man hier eine Drohkulisse auf, und zweitens ist es sachlich falsch: Wie sollen denn die muslimischen Länder die aus unseren Ländern importierte Hochtechnologie oder die Medikamente aus der Schweiz ersetzen? Etwa durch Kuhdung?

Die Schweiz hat Angst, dass die Wirtschaftskrise verstärkt wird …

Broder: Welche Krise? Was für die Schweiz eine Krise ist, wäre für Deutschland ein Boom … Das Wirtschaftsargument ist ohnehin schwach: Nur ein Prozent des deutschen Exports geht beispielsweise in den Iran. Das ist doch letztlich unbedeutend für die deutsche Wirtschaft.

Warum schonen wir diese Länder denn?

Broder: Liberale Systeme haben offenbar Respekt vor Diktaturen, bewundern sie gar. Das ist die wahre Ursache. Totalitäre Systeme sind offenbar sexy.

Ihr Aussenminister Guido Westerwelle weilt in Israel und schreibt bedeutungsvolle Zeilen ins Gästebuch von Jad Vaschem: «Unsere Verantwortung bleibt, unsere Freundschaft wächst.» Wird das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel je unbefangen sein?

Broder: Nein, aber es ist schon ziemlich normal geworden. Das politische Verhältnis zwischen Israel und England oder Frankreich – oder auch der Schweiz – ist schlechter.

Warum?

Broder: Die Deutschen haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, in den anderen europäischen Ländern beginnt das erst. Die Vernichtung der Juden war ja ein gesamteuropäisches Projekt, und alle, ausser Dänemark und Bulgarien, haben da kräftig mitgetan. Auch die Schweiz mit ihrer «Das Boot ist voll»-Politik. Aber man sollte auch nicht immer nur zurückschauen, mich interessiert der vergangene Holocaust überhaupt nicht mehr, ich habe Angst vor dem nächsten. Die Europäer sollten endlich realisieren, dass der Iran nicht nur eine Bedrohung für Israel darstellt, sondern für die ganze Welt.

Warum glauben denn viele Europäer, dass es Israel ist, das den Frieden bedroht?

Broder: Alle – auch die Deutschen – wären froh, wenn jemand nun endlich zu Ende bringen würde, was man nicht geschafft hat: die Juden auszurotten. Darin sind die Deutschen ja kläglich gescheitert, und die Existenz Israels erinnert sie täglich an dieses Scheitern, das hat niemand gern. Würde es nun einem anderen Staat gelingen, Israel auszuradieren, wäre auch das schlechte Gewissen weg, weil dann der Beweis erbracht wäre, dass keiner mit den Juden zurechtkommt. Und so protestiert man gegen den Siedlungsbau – das ist aber ein Vorwand, das erinnert mich wiederum an die Anti-Minarett-Initiative.

Glauben Sie wirklich, dass Israel mit Atomwaffen angegriffen werden wird?

Broder: Das ist keine Frage des Glaubens, hören Sie doch dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu, der gesagt hat, Israel solle von der Landkarte verschwinden. Oder dem Ex-Präsidenten Rafsandschani, der erklärte, man solle Israel mit Atomwaffen angreifen und vernichten.

Glauben Sie nicht, dass die USA da eingreifen würden?

Broder: Nein. Die Unterstützung auch der amerikanischen Juden für Israel nimmt ab, das gilt für die gesamte Diaspora. Israel kann sich nun selber helfen.

Israel setzt sich mit manchmal auch robusten Aktionen zur Wehr und wird gelegentlich auch gegenüber Palästinensern vom Opfer zum Täter. Billigen Sie das?

Broder: Die Lebenserwartung von Tätern ist höher als jene der Opfer – zu viele Juden sind diszipliniert und ruhig in die Gaskammern geschritten –, und so ist es vollkommen in Ordnung, dass aus Opfern Täter wurden. Im übrigen ist die Sicht der Dinge – dazu gehören auch die Lebensumstände der Palästinenser – von einer herausragenden Einseitigkeit geprägt. Da machen auch Schweizer Politiker wie Daniel Vischer oder Geri Müller kräftig mit.

Sie sagen also einen zweiten Holocaust voraus?

Broder: Ich sage ihn nicht voraus, um recht zu behalten, sondern um ihn zu verhindern. Man muss aber handeln und etwas tun. Wer auf Appeasement-Politik setzt oder auf das Gleichgewicht des Schreckens vertraut, für den wird es ein böses Erwachen geben. Man kann Leute, die, ohne zu zögern, ihr Leben opfern, nicht mit dem Tod schrecken.

Also den Iran angreifen?

Broder: Ich setze auf die Kraft des Zufalls und auch darauf, dass die 80 Millionen Iraner – es sind ja in der grossen Mehrheit vernünftige Menschen – sich gegen das heutige Regime zur Wehr setzen werden. Und darauf, dass Israel weiss, dass es sich auf niemanden verlassen kann.

Nimmt der Antisemitismus zu?

Broder: Ja.

Warum?

Broder: Es gibt für den Antisemitismus selber keine rationale Erklärung, auch nicht für dessen Zunahme.

Weiss man zu wenig?

Broder: Nein, das ist das Missverständnis der Aufklärung. Antisemiten wissen viel über die Juden, wissen, wer Halb-, Viertel- oder Achteljude ist, und auch Goebbels hat ja eine sehr ordentliche Promotion abgeliefert, und Eichmann konnte sogar Hebräisch. Das ist keine Frage des Wissens oder der Aufklärung. Es gibt übrigens einen einfachen Antisemitismus-Test: Sagen Sie einfach mal, die Zuckerbäcker und die Juden sind an allem schuld. Dann fragen die Leute sofort: Warum die Zuckerbäcker?

Dann ist diese ganze, anhaltende Vergangenheitsbewältigung, die ja der Aufklärung dienen sollte, überflüssig?

Broder: Ich halte nichts von diesem ständigen Gedenken an beispielsweise Auschwitz, nein. Das ist eine obszöne Trittbrettfahrerei … Das Auschwitz von heute ist Darfur, darüber muss man reden.

Sie haben ein halbes Leben über die Frage des Antisemitismus nachgedacht und keine Erklärung gefunden?

Broder: Nein. Das ist irrational – wohl eine Funktion der Idee des auserwählten Volkes, ein Thema für Theologen also. Es ist eine 2000 Jahre alte, gut gepflegte Tradition.

Herr Broder, es hat sich doch was gebessert, Antisemitismus ist nicht mehr salonfähig …

Broder: Ja, das stimmt schon. Der verstorbene deutsche FDP-Politiker Möllemann war weg vom Fenster, als er sich als Antisemit outete. Deswegen treten Antisemiten jetzt als Antizionisten auf. Wie wenn sich ein Kinderficker zum Pädophilen umtauft. Die Antisemiten von gestern sind die Antizionisten von heute.

Was treibt Sie an, was wollen Sie bewegen?

Broder: Nichts.

Nichts?

Broder: Nein, wirklich nichts. Ich habe schon ziemlich Mühe, meine 80 Kilogramm zu bewegen, mehr liegt nicht drin.

Wir zweifeln … Versuchen wir’s mal so rum: Sind Sie religiös?

Broder: Nein, ich bin areligiös. Ich glaube aber an die Reinkarnation, wir verschwinden ja nicht – nichts verschwindet –, sondern werden umgewandelt … Sehen Sie, als ich das erstemal nach Boston kam, kannte ich mich da bereits aus. Seltsam, oder?

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie als Schwein in einem koscheren Haushalt wiedergeboren werden möchten. Wir geben Ihnen eine zweite Chance …

Broder: Gut, ich möchte auf keinen Fall als Frau in Saudi-Arabien reinkarniert werden …

Jeder will etwas bewirken, jeder …

Broder: Mittlerweile hat jede Schönheitskönigin eine Message. Das ist mir suspekt. Aber wenn Sie darauf beharren: Ich möchte die Leute unterhalten, ich bewundere Artisten im Zirkus, bewundere David Niven, Mel Brooks und Danny Kaye – diese Menschen bewegen: They make us feel good.

Sie teilten kürzlich einer erstaunten Öffentlichkeit mit, dass Sie Präsident des Zentralrates der deutschen Juden werden wollen. Warum warfen Sie da – wie Sie schrieben – «die Kippa in den Ring»?

Broder: Ach, das war eine Idee, die auf einer langen Autofahrt geboren wurde, aus Langeweile …

Ein Jux?

Broder: Nein, inhaltlich war alles ernst gemeint, auch die Forderung, man solle Holocaustleugnern nicht noch dadurch Gewicht geben, dass man sie gesetzlich verfolge. Doch die Kandidatur selber war wirklich ein Scherz, der für viel Aufmerksamkeit und Aufregung sorgte. Das war lustig. Ich liebe es, grosse Glocken läuten zu lassen. Ich bin, was die Theaterleute als Rampensau bezeichnen.

Sie wirken eher zurückhaltend …

Broder: Ja, privat bin ich schüchtern, nur wenn ich vor 500 oder mehr Leu-ten rede, verliere ich meine Schüchternheit.

Was wird in zehn Jahren sein?

Broder: Dann bin ich hoffentlich deutscher Botschafter in Island – aber ich weiss das natürlich nicht. Es gab immer Brüche in meinem Leben, und auf so einen Bruch kann ich wiederum hoffen.

Letzte Frage, Blick in die ganz ferne Zukunft: Was soll einmal in Ihrem Nachruf stehen?

Broder: Er hat niemanden gelangweilt.

Zur Person Henryk M. Broder

Henryk M. Broder entstammt einer polnischen Familie jüdischen Glaubens und wurde am 20. August 1946 in Kattowitz, Polen, geboren. 1958 emigrierten die wenigen dem Holocaust entronnenen Familienmitglieder nach Deutschland. In Köln studierte er Soziologie, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft und wandte sich danach dem Journalismus zu. Broder schreibt heute unter anderem für den «Spiegel», die «Weltwoche» und den «Tagesspiegel», hält Vorträge und ist gerngesehener Gast in Talk- und anderen Runden. Daneben hat er rund ein Dutzend Bücher verfasst, darunter den Bestseller: «Hurra, wir kapitulieren!». Er reist gern und viel, sammelt Kitsch aus aller Welt und ist Hobbybäcker. Broder ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt – wenn er zu Hause ist – in Berlin.

Henryk M. Broder

Henryk M. Broder entstammt einer polnischen Familie jüdischen Glaubens und wurde am 20. August 1946 in Kattowitz, Polen, geboren. 1958 emigrierten die wenigen dem Holocaust entronnenen Familienmitglieder nach Deutschland. In Köln studierte er Soziologie, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft und wandte sich danach dem Journalismus zu. Broder schreibt heute unter anderem für den «Spiegel», die «Weltwoche» und den «Tagesspiegel», hält Vorträge und ist gerngesehener Gast in Talk- und anderen Runden. Daneben hat er rund ein Dutzend Bücher verfasst, darunter den Bestseller: «Hurra, wir kapitulieren!». Er reist gern und viel, sammelt Kitsch aus aller Welt und ist Hobbybäcker. Broder ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt – wenn er zu Hause ist – in Berlin.

22. November 2009

Lektüre der Sonntagszeitungen oder schon des einen Titels wegen hat es sich gelohn: Humboldt reloaded

Schon dieses Titels wegen hat sich die (heute lange dauernde) Lektüre der Sonntagszeitungen gelohnt. Die FAZ am Sonntag nimmt unter dieser Oberzeile Stellung zu den Studentenprotesten in Europa. Und die NZZ schreibt: „Der Bologna – Frust macht sich Luft, die Begehren sind diffus.

Es ist wie wenn alle aus einem schlechten Traum erwachten – und plötzlich will niemand mehr für die missglückte Bologna – Reform verantwortlich sein. Nicht die Politiker, nicht die Repräsentanten der Hochschulen und schon gar nicht jene Journalisten, die den Unsinn als nötige Anpassung an europäische Regelungen begrüsst haben. Die NZZ am Sonntag enthüllt, dass „viele der US-Konten, die beim amerikanischen Fiskus nicht deklariert waren, von jüdischen Emigranten stammen.“

Die Sonntagszeitung macht mit dem so genannten Impf – Chaos auf und meldet, dass Bundesrat Ueli Maurer „manchmal an Sitzungen einnicken soll.“ Und während der Sonntag, der Sonntagsblick und die NZZ am Sonntag den Fussball-Wettskandal auf dem Titel haben, findet er in der Sonntagszeitung dort überhaupt nicht statt.

Der Sonntagsblick wiederum hat eine Geschichte exklusiv: SVP-Ständerat This Jenny gesteht, er habe seine Frau betrogen. Wenn hier die neue publizistische Latte gelegt wird, können sich die Schweizer Politikerinnen und Politiker ja warm anziehen. Weiter hinten im Blatt wird dann offensichtlich, dass Frank A. Mayer zum (letzten?) EU-Beitrittsgefecht bläst: Er rüffelt die „politische Elite der Schweiz“ weil sie partout nicht in die EU will sondern am bilateralen Weg festhält. Und daneben meldet die Zeitung, dass die SVP mit aller Kraft versucht, die Folgen der Personenfreizügigkeit zu mildern.

Der Sonntagsblick hat es geschafft, die kommende Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer als Mitarbeiterin zu verpflichten, sie wird jede Woche eine Leserfrage beantworten. Das ist clever, wird die SP-Politikerin doch mit Sicherheit im kommenden Jahr (noch) populärer werden.

Heute jedenfalls ist die Gratwanderung des Sonntagsblick zwischen Boulevard und politischem Boulevard gelungen – ausser der missglückten Schlafzimmergeschichte auf dem Titel.

Und, ach, ja: Auch der Kalauer fehlt nicht. „Slip Slip hurra“ ist eine Geschichte über eine Dessous-Show überschrieben.

Das grosse Interview mit UBS-Chef Oswald Grübel in der Sonntagszeitung: Nichts aus der Krise gelernt?

Die NZZ unterhält sich mit FDP-Chef Pelli, der offenbart, dass er Bundesrat Merz am Rücktritt gehindert hat.

Und der Sonntag interviewt Bischof Koch unter anderem zur Antiminarett-Initiative.

Und hat dann auch noch einen Scoop aus der Intimsphäre – wer aber will das wissen?

Schlüer steht der al-Qaida nahe, sagt die FDP (laut Sonntagszeitung). Und Pelli Mickey Mouse?

15. November 2009

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen…

Vor mir liegen heute fünf Sonntagszeitungen: Sonntagsblick, Sonntagszeitung, NZZ am Sonntag, die Südostschweiz am Sonntag und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – der Sonntag war am Kiosk in Mammern schon ausverkauft.

Was – einmal mehr – auffällt: Die Zeitungen haben kein einziges gemeinsames Thema auf dem Titel. Die NZZ macht so auf: „Fertig Steuerflucht! Banken wollen nur noch sauberes Geld.“ „Schluss mit Billig-Bahn: Tickets 7 Prozent teurer“ heisst es in der „Sonntagszeitung.“ Der Sonntagsblick frägt: „Geht Red Bull über Leichen?“ und in der Südostschweiz am Sonntag wird berichtet, dass sich „angesehene Bündner“ der Widerstandsorganisation P 26 angeschlossen hatten.

Rund 90 Seiten legen die grossen Zürcher vor, mit 44 (interessanten) Seiten kommen die Bündner daher. Und der publizistische Direktor der Südostschweiz schreibt auf Seite 1 über die Zürcher Überheblichkeit und den Fall Hirschmann.

Das grosse Thema der Sonntagszeitung sind die steigenden Bahntickets (Weichenstellung Richtung teuer“); im Trend-Bund lesen wir die „Codes aus Carl Hirschmanns Party-Welt von A bis Z“ und lesen da unter L: „Liebe. Sie spielt beim Feiern erst mal keine Rolle.“ Und wenn wir bei Z angelangt sind, wissen wir immer noch nicht, was uns das Autorenduo K. Kruse und C. Schmid sagen wollte.

Blocher Maurer

Die NZZ am Sonntag weiss, dass Maurer und Blocher unter einer Decke stecken.

Zuwanderung

Vor der Abstimmung las man's – einmal mehr – anders: Die Zuwanderung ist ungebrochen, die Rückwanderung nimmt jetzt nicht zu. Warum, so frägt Gaillard blauäugig, sollte sie auch?

Schadenfreude

Schadenfreude ist doch die schönste Freude oder wenn der Tagesanzeiger über den Blick schreibt...

NZZ Maya Onken

Aus der NZZ am Sonntag... was wir nie wissen wollten und deshalb auch nicht zu fragen brauchten...

Red Bull

Die Geschichte des Tages im Sonntagsblick.

EU 2

Die EU-Debatte ist lanciert... und zwar diesmal von aussen.

EU

Und weiter geht's: Sidn wir nicht willig, so braucht es halt Druck.

Und dann lasen wir noch ein Beispiel für hervorragende Recherche: Man munkelt… (in der Sonntagszeitung). Eine der besten Geschichten aber hat heute der Sonntagsblick mit der Frage nach der Verantwortung von Red Bull für den Todessprung von Ueli Gegenschatz. Und die NZZ am Sonntag enthüllt noch, dass Tony Blair zu den grossen Abzockern gehört und VR-Mandate sammelt wie die Queen Teetassen.Blair

Recherche

Hervorragende Recherche: man munkelt in der SVP-Fraktion. Munkelt? Wer munkelt wann was?

Südostschweiz

Andrea Masüger, der publizistische Direktor der Südostschweiz, schreibt auf Seite 1 über die Überheblichkeit der Zürcher und die "pubertären Eskapaden" von Carl Hirschmann.

Frank A. Mayer

Frank A. Mayer weiss, warum kein Vertreter der Schweiz zu den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestags des Falls der Berliner Mauer eingeladen worden ist: weil die Schweiz nicht in der Europäischen Union ist. Übrigens Frank A. Mayer war dabei: als Gast des Fernsehens der Suisse Romande.

Sonntagszeitung

Selbstironie ist in unserem Metier selten; hier Peter Schneider der – wie immer – blenden in der Sonntagszeitung schreibt.

Papst Benedikt

Klaus Harpprecht stellt im Magazin des Sonntagsblicks ein Buch von Alan Posener vor, das mit dem Papst abrechnet. Im Buch wird ein Grossonkel des Papstes erwähnt, der "glühender Antisemit" gewesen sei. Und Harpprecht schreibt dazu: "Nein, keine Sippenhaft." Und wie sieht dann der Lead zur Rezension aus?

8. November 2009

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen oder nur die FAZ berichtet über das Ende der DDR ausführlich…

Chaos

Alle Zeitungen berichten heute – natürlich – über die Schweinegrippe, besonders ausführlich die Sonntagszeitung und der Sonntag.

NZZ Burka Widmer Schlumpf

Nächstes grosses Thema auch an diesem Sonntag die Minarett-Verbotsinitiative und die NZZ am Sonntag haut hier richtig auf die Pauke.

Kopftuch

Die Sonntagszeitung doppelt – etwas gelassener – nach.

Blick Muslime

Der Sonntagsblick fährt eine eigentliche Kampagne für die Initiative, sagt das aber nicht offen.

FAM und Muslime

Hmmm... schon wieder sind wir gleicher Meinung mit FAM. Wenn sich das nur nicht häuft...

Britschgi Muslime

Hannes Britschgi hat, das wissen wir, Humor. Er scherzt über die Tatsache, dass die Kollegen vom Sonntag einen geheimen Bundesratsbericht im Papierkorb fanden und fordert nun, man solle den Bericht über die muslimischen Prediger veröffentlichen.

Blick Hirschmann

Wollen wir wirklich wissen, warum das verwöhnte Jüngelchen mit dem Gesetz in Konflikt kam? Manchmal beneide ich meine Kollegen vom Boulevard wahrlich nicht.

Hirschmann

Ein interessante Tangente legt die NZZ am Sonntag an: Weil der kleine Hirschmann oft bei seinem Vater im Bette gelegen habe, sei er später zum Womanizer geworden. Wiess man da an der Falkenstrasse Dinge, die uns bisher entgangen sind?

Chinas Jugend

Die chinesiche Jugend drängt in die Armee...

und die unsere

... und die Schweizer Jugend verweigert den Wehrdienst.

Huber zu Merz

Die Fraktionschefin der FDP verteidigt ihren Bundesrat loyal. Es gibt sie also noch, die Fairness.

Sonntag Libyen

Einmal mehr ist der Sonntag in der Libyenaffäre besser informiert als die Kollegen.

Freizügigkeit SVP

Ein Interview mit Folgen: Christoph Blocher kündigt indirekt ein Referendum gegen die Personenfreizügigkeit an.

NZZ Uvek

Manchmal ist auch die NZZ am Sonntag etwas gar burschikos. Auch in Sachen Radio- und Fernsehgesetz, das auch dann gilt, wenn es der liberalen NZZ nicht passt.

Blick Flop Cargo

Sechs Millionen für einen Film...

Mitbericht

Was erfährt man hier? Im Bundesrat herrscht keine Harmonie? Wre plaudert denn nun - nachdem Blocher weg ist – das alles aus? Und warum streiten die sich noch?

Blick Mauer

20 Jahre Fall der Mauer... und da lesen wir nur anekdotisches...

Sonntag Mauer

... oder allzu Persönliches...

FAZ DDR

Wer sich aber fürs Thema wirklich interessiert, dem bleibt ja immerhin noch die FAZ, mit ihrer Reportagen und Berichten.

1. November 2009

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen… oder der Scoop des „Sonntag“

Noch klingt der 80. Schweizer Medienball nach; die Nacht war wohl auch für einige der Sonntagszeitungsmitarbeiter einigermassen kurz. Im kleinen Wettbewerb um die beste PR-Leistung in eigener Sache gewann übrigens der Sonntagsblick: Bereits nach der Verlosung der Hauptpreise lag das Blatt an der Garderobe auf. Und drinnen konnte man lesen, wie der Medienall verlaufen war.

Doch nun zum Ernst des journalistischen Lebens:

Das interessanteste Blatt ist für mich heute der „Sonntag“, dessen Redaktion die Libyen-Affäre aufarbeitet und mit „Exklusiv: Der Bundesratsbericht“ aufmacht. Dem „Sonntag“ liegt der vertrauliche Bericht vor und man hat in Aarau nicht gezögert, dass Papier auf einer Doppelseite publik zu machen. Im elfseitigen Bericht, den Bundespräsident Hans-Rudolf Merz selbst unterschrieb, kommen weder er noch sein Kollege Couchepin und schon gar nicht Micheline Calmy-Rey gut weg, es ist die Chronik und das Fazit des Scheiterns.

Merz

Mit Fug und Recht will „Sonntag“-Chefredaktor Patrik Müller nun die Frage nach dem Rücktritt von Bundespräsident Merz beantwortet haben. Hier sein – zurückhaltender – Kommentar:

Müller

Und während also der „Sonntag“ – einmal mehr – einen Scoop landete, ist man bei der Bundesanwaltschaft auf der Suche nach einem jenem Informanten, der aus der Bundesratssitzung plauderte. Und kann jetzt die Suche wohl ausdehnen, die neue Frage lautet: wie kam der „Sonntag“ zum brisanten vertraulichen Papier?


Strafanzeige

Und mit sicherem Instinkt für politisch relevante Themen greift dann die Sonntagsredaktion noch die Frage der politschen Heimat von Peter Spuhler auf:

Spuhler

Die „Sonntagszeitung“ macht mit der geplanten Verlängerung des Militärdienstes auf und widmet sich – wie alle Sonntagszeitungen – dem Thema Schweinegrippe. Hier lesen wir dann auch noch diesen erstaunlichen Titel: „Schweinegrippe-Impfung spaltet die Schweiz.“

Dass Schweizer Munition von englischen Scharfschützen in Afghanistan verwendet wird, bestätigt der SoZ die Ruag – aber so richtig skandalös ist das nicht einmal für Jo Lang.

Munition

Spannend dann aber die Debatte über die Bologna-Reform (auf Seite 15). Und für einmal ist man plötzlich auf der Seite des Soziologieprofessors Kurt Imhof – wer hätte das gedacht?

Auf der Kommentarseite sagt Bundeshaus-Redaktor Christoph Lauener voraus, dass die SVP keinen „Grosserfolg“ bei den Wahlen haben kann. Das lasen wir vor den letzten und der vorletzten Wahlen auch schon.

Im Wirtschaftsteil nimmt ein Schaffhauser besonders viel Platz ein: Lindt- & – Sprüngli Chef Ernst Tanner.

Tanner

Die NZZ am Sonntag macht mit einem Familienthema auf: Beim Erfolg in der Schule komme es auf die Mütter an. Und so haben wir wieder einen Sonntag, an dem die Schweizer Sonntagszeitungen das Geschehen unterschiedlich gewichten, keine Rede von Mainstream.

Im Hintergrund-Artikel (der eigentlich ein verbrämter Leitartikel ist) beschreibt Luzi Bernet die Suche nach einem „Alphatier“ oder „Leithammel“ im Bundesrat.

Und dann fanden wir noch diese hübsche Geschichte: „Wenn das Handy mit dem Joghurt spricht.“

Handy



27. Oktober 2009

Zurück im Blog – nach einer Pause… jetzt wieder: Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen…

Liebe Leserin, lieber Leser

zurück im Blog nach eine rund einwöchigen Pause. Der Grund: Eine Reise nach Berlin (und dort zu Besuch im Springer-Hochhaus zusammen mit der Konferenz der Schweizer Chefredaktoren) und ein gerüttelt Mass an Arbeit bei uns im Verlag.

Und hier – wie immer – Bemerkungen nach der Lektüre der Sonntagszeitungen (darunter für einmal auch die Welt am Sonntag).

Spuhler

Was will uns wohl der Schlagzeilen-Dichter sagen?

 

Diesmal wollen wir die Titel besonders aufmerksam lesen – und fragen und bereits hier: was will uns der Titel-Dichter wohl sagen?

Folgerichtig müsste es ja dann beispielsweise auch heissen: … warnt vor katholischem Boykott oder? Und dann fragen wir uns, was denn das wohl wäre, ein katholischer oder ein evangelischer Boykott. Haben Boykotte nun neuerdings auch eine Religion und wenn ja, wie kommen sie wohl dazu?

 

 

 

 

 

Das Gehirn auf Standby

Könnte es gar sein, das uns Journalisten, beispielsweise beim Titel setzen, das auch geschieht?

 

 

 

 

 

 

 

Schleim trügt

Naja - es gibt aber auch sonntags Geistesblitze...

 

 

 

 

 

Postman

Sag ich's doch...

 

 

 

 

 

 

 

Schalke

Womit spielt Schalke? Auch das ein hübscher Einfall!

 

 

 

 

Und zum Schluss dieser kurzen Sonntagsblattkritik noch ein Beweis für die These, dass scheinbar nachrichtenlose Tage zu besseren Zeitungen führen – weil man dann Platz für die eigenen Geschichten hat.

Wir haben die Titelseiten der NZZ am Sonntag und der Sonntagszeitung verglichen und stellten fest, dass sie sich mehr als an anderen Tagen unterschieden:

Kein Thema hatten beide, die Titelseiten unterschieden sich inhaltlich vollständig. Das müsste man eigentlich im publizistischen Kuriositätenkabinett ablegen. Hier der Beweis:

Die Themen der NZZ am Sonntag:

NZZ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und hier die Titelseite der Sonntagszeitung vom gleichen Tag…

Soz

18. Oktober 2009

Bei der Lektüre der Kommentare zum Plakat, Inserate – und Minarettverbot…

Erster Teil der üblichen Sonntagszeitungskritik – der Schluss folgt in den kommenden Tagen.

Zuerst diese Bemerkung: Heute beginnen zwei der Sonntagspublikationen nicht mit Titelseiten, sondern mit BMW-Inseraten: Die Sonntagszeitung und das „Blick“-Magazin. Die Redaktionen haben Platz gemacht, damit BMW die neuen Modelle BMW X1 und den BMW 5er vorstellen kann. Früher, ja früher noch, wäre das undenkbar gewesen, heute – wetten? – gibt es weder Leser- noch andere Proteste. Man ist ja auch in guter Gesellschaft: Der Spiegel hat’s getan und andere – auch renommierte Publikationen – haben’s auch getan. Bei all diesen Sonderwerbeformen gilt vor allem eine Regel: Die Grenze zwischen redaktionellem- und Inserateteil muss für den Leser klar erkennbar sein. Im übrigen haben sich die Verlage zur Einhaltung des so genannten Code of Conduct verpflichtet, dies wird auch von einem Runden Tisch kontrolliert, der aus Chefredaktoren und Vertretern der Werbewirtschaft zusammengesetzt ist.

BMW

Irgendwo steht hier ANZEIGE - aber wo?

Nun aber zum Hauptthema der Zeitungskommentatoren heute: Die Minarett-Verbotsinitiative. Da sind sich – wieder einmal – alle einig: Das muss man ablehnen. Und so lesen wir dann beispielsweise im „Sonntagsblick“, wir müssten unsere Werte hochhalten.

Die NZZ am Sonntag legt auf einer Doppelseite die (interessanten) Hintergründe zum Minarett vor. (wird fortgesetzt).

Die Initianten sind "hasserfüllt"...

Die Initianten sind "hasserfüllt"...

[caption id="attachment_1023" align="alignleft" width="225" caption="und: "lasst uns Muslime in Ruhe"..."]Blick lasst uns Muslime in Ruhe[/caption]

Und in einem differenzierten Kommentar fordert Chefredaktor Hannes Britschgi:

Britschgi

14. Oktober 2009

Oswald Grübel ist der witzigste Gratulant: „Blick ist systemrelevant für die Schweiz.“

Die witzigste Gratulation an den "Blick" kommt vom UBS-Chef Oswald Grübel.

Die witzigste Gratulation an den "Blick" kommt vom UBS-Chef Oswald Grübel.

Der „Blick“ feiert seinen 50. Geburtsag uns schenkt sich (und den Leserinnen und Lesern) die Rückkehr zum grossen Zeitungsformat. Hauptthema der Jubiläumsnummer ist das Jubiläm und der (nach NZZ und Tages Anzeiger) dritte Relaunch einer grossen Tageszeitung. Es ist – mit Verlaub – der am wnigsten spektakuläre, man hat einfach einen Fehler korrigiert und ist zum klassischen Zeitungsformat zurückgekehrt. Das Halbformat ist ja inzwischen durch die Gratiszeitungen besetzt und abgewertet.

Ansonsten: Nichts neues unter der Mediensonne; das Layout ist – wie es sich gehört – von grossen Zeilen, wenig Text und dominierenden Bildern beherrscht. Da es auch hier auf den Inhalt ankommt, wird man abwarten müssen… Aus dem Kommentar de Chefredaktors a. I. (sind das nicht alle?) lässt sich noch wenig schliessen, doch: ein kleines bisschen Ironie blitzt durch, wenn Ralf Grosse-Bley schreibt, es hätte „der ganze Bundesrat mit einer kleinen Ausnahme“ gratuliert. Bei der „kleinen Ausnahme“ handelt es sich um Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, den der „Blick“ dann unter der Zeile: „Calmy-Rey gegen Kuschelkurs von Merz“ in den Senkel stellt.

Seite 3

Wesentliche Änderung: Von Seite 3 auf Seite 1...

Und nun? Ist das nun die Rückkehr zum harten, schnörkellosen Boulevard oder werden wir wieder einem Spagat zwischen Political Correctness und „Blut und Hoden“ (wie man so schön sagt) erleben?

Auf jeden Fall darf man sich freuen, dass nun auch Ringier ein (teures) Bekenntnis zur Verkaufszeitung ablegt und wir (wieder) ein währschaftes Boulevardblatt haben.

Und, dies sei auch noch gesagt: Der interessanteste Sportteil der Schweiz hat auch diesen Relaunch unbeschadet überstanden, Roger (die Zigarre) Bnoir blieb uns erhalten und Weisheiten wie „vom Turnen kann man nicht leben“ erhellen uns weiterhin.

Im diesen Sinne: Gratulation und auf viele gute Zeilen wie „Kann ich den Messekauf retour geben“.

Ringier-Schweiz-Chef Mar Walder (zuständig auch für den "Blick") trägt Samthandschuhe...

Ringier-Schweiz-Chef Mar Walder (zuständig auch für den "Blick") trägt Samthandschuhe...

Die Rückkehr des Boulevards?

Die Rückkehr des Boulevards?

Widmer

Frommer Wunsch...

11. Oktober 2009

Nachlese zur Unterzeichnung der armenisch-türkischen Protokolle in Zürich oder wie Hillary Clinton die Situation rettete

Bild 2- Armenien Türkei

Hillary Clinton und Bernard Kouchner...

 

War das ein Tag! Am Samstag warteten 180 Journalisten ab 15 Uhr – Bezug der Badges – bis nach 20 Uhr in der Universität Zürich auf die Unterzeichnung der türkisch-armenischen Protokolle. Danach flog die US-Aussenministerin nach London und stellte sich den Fragen der Journalisten an Bord der Maschine. Hier das Transkript der Gespräche.

Die Wartezeit konnte man zum Gespräch mit den armenischen und türkischen Kolleginnen und Kollegen nutzen, die nach Zürich gekommen waren; leider funktionierte die Wireless – Verbindung im improvisierten Medienzentrum ziemlich lange nicht und ein viel gereister Reporter meinte, das sei ja wie in Bagdad.

Und hier nun der Text der Protokolle.

 

 

Bild 4 Armenien Türkei

Bundesrätin Micheline Calmy-rey sieht eher angespannt aus, der EU-Chefdiplomat Javier Solana scheint's gelassener zu nehmen.

11. Oktober 2009

Wie die Sonntagszeitungen die Unterzeichnung der Protokolle in Zürich behandelten oder Hillary Clinton ass Eglifilets

Obama

Zum Nobelpreis an Barack Obama... die taz. (Vergangene Woche).

Sonntagszeitung Clinton Calmy Rey

Relativ sachlich... die Sonntagszeitung

Blick EgliFriedensengel BlickNZZ am Sonntag TitelFAZ Annäherung

10. Oktober 2009

Unterzeichnung des armenisch-türkischen Freundschaftsvertrages verzögert sich – und geht dann doch über die Bühne

UnterzeichnetUnd alle harren der Dinge, die da noch kommen sollen, werden, können.Uni ZH 1

Der Saal ist leer, alle warten...

Uni ZH 2

Die Photographen und Ehrengäste sind wieder weg...

6. Oktober 2009

Zeitungen wollen die Inserate für die Minarett-Initiative nicht publizieren, wenigstens nicht im (bezahlten) Inserateteil

Minarett

Der „Tages Anzeiger“ berichtet, dass Ringier die Inserate für die Minarettinitiative ablehnen wird. Andere – wie der „Tages Anzeiger“ denken ebenfalls über eine Ablehnung nach. Dazu zwei Bemerkungen: 1. Haben die Initianten noch gar keine Insertionsaufträge gegeben und 2. können sie sich das eigentlich auch sparen: in den redaktionellen Teilen wurden die Sujets längst veröffentlicht, die Rechnung ist also einmal mehr aufgegangen.

4. Oktober 2009

Sonntagslektüre: Bundesrätinnen und Bundesräte über sich und die anderen…

Die Lektüre der Sonntagszeitungen war – einmal mehr – höchst an- und auch aufregend, Hauptthema natürlich Polanski. Das hat auch jede Redaktion kommentiert und zwar unterschiedlich, keine Rede von Mainstream diesmal. Doch der Reihe nach mit den (überhaupt nicht repräsentativen) Auszügen:

Wie steht er denn da, unser Bundesrat Moritz Leuenberger?

Wie steht er denn da, unser Bundesrat Moritz Leuenberger?

Wir Ostschweizer werden uns auf das Antirassismus-Gesetz berufen und Klage erheben...

Wir "munteren Ostschweizer" werden uns auf das Antirassismus-Gesetz berufen und Klage erheben...

Der "Medienminister" über 20 Minuten...

Der "Medienminister" über 20 Minuten...

Martina Hingis ein "Weltstar mit Plattfusss...". Aus der NZZ am Sonntag.

Martina Hingis ein "Weltstar mit Plattfusss...". Aus der NZZ am Sonntag.

Eine ganze Seite über den Relaunch von NZZ, Blick und Tages Anzeiger in der "Sonntags Zeitung." Schuld an der Zeitungskrise seien, kurz gesagt, Gratiszeitungen und das Internet. Wer aber macht Gratiszeitungen und verbreitet seine Inhalt im Netz gratis?

Eine ganze Seite über den Relaunch von NZZ, Blick und Tages Anzeiger in der "Sonntags Zeitung." Schuld an der Zeitungskrise seien, kurz gesagt, Gratiszeitungen und das Internet. Wer aber macht Gratiszeitungen und verbreitet seine Inhalt im Netz gratis?

Die Auflagen sinken, der Relaunch solls richten...

Die Auflagen sinken, der Relaunch solls richten...

Einheitsmeinung? Weit gefehlt... der Sonntagsblick über den Auftritt von Michelle Hunziker bei "Wetten dass..."

Einheitsmeinung? Weit gefehlt... der Sonntagsblick über den Auftritt von Michelle Hunziker bei "Wetten dass..."

Einheitsmeinung? Weit gefehlt... der Sonntag über den Auftritt von Michelle Hunziker bei "Wetten dass..."

Einheitsmeinung? Weit gefehlt... der Sonntag über den Auftritt von Michelle Hunziker bei "Wetten dass..."

Der Sonntag führts uns vor: Kilometer mal Franken mal Tote... oder: was weiter weg geschieht, zählt weniger...

Der Sonntag führts uns vor: Kilometer mal Franken mal Tote... oder: was weiter weg geschieht, zählt weniger...

"Das Kriterium Lärm..." oder: es geht nichts über einen einfachen, klaren Titel...

"Das Kriterium Lärm..." oder: es geht nichts über einen einfachen, klaren Titel...

Widmer Schlumpf über Kollegin Calmy - Rey...

Widmer Schlumpf über Kollegin Calmy - Rey...

Calmy-Rey über Kollegin Widmer Schlumpf

Calmy-Rey über Kollegin Widmer Schlumpf

Leuenberger über Calmy-Rey

Leuenberger über Calmy-Rey

Hmmm: 20 000 (pro Jahr) sollen eingefangen werden; da hatte Polanski wirklich Pech.

Hmmm: 20 000 (pro Jahr) sollen eingefangen werden; da hatte Polanski wirklich Pech.

Aus der – munteren - Alten Tante NZZ...

Aus der – munteren - Alten Tante NZZ...

29. September 2009

Nach der NZZ erscheint nun auch der „Tages Anzeiger“ neu aufgemacht und wir stellen verblüfft fest, dass die NZZ lockerer daherkommt und der Tages Anzeiger ernsthafter

Nun auch der „Tages Anzeiger“: Heute erscheint das Blatt im neuen Kleid. Und zur Verblüffung, kommt das Blatt nun ernsthafter, textlastiger daher; die Redaktion setzt ganz offensichtlich auf den Inhalt und verzichtet – anders als die NZZ – weitgehend auf typographischen Schmuck (das lila Band beim Merkel-Porträt halten wir für einen Ausrutscher. Und, das auch, die Umstellung für die Leserinnen und Leser ist enorm; das Blatt wurde stark verändert.

Zur Première macht der „Tages Anzeiger“ mit einer stadtzürcher Geschichte  und einem schwarz-weiss Bild (von Polanski auf) und das Versprechen wahr, Hintergrund zu liefern: Auf den Seiten 13, 15, 36 und 37 geht es um den eingefangenen Regisseur.

Das Blatt wurde in eine Lesezeitung verwandelt, hier setzt eine Redaktion auf die (intellektuelle) Neugier des Publikums. Das dürfte die Handschrift (auch) von Co-Chefredaktor Res Strehle sein, der sich – wie man es von ihm gewohnt ist – vornehm zurückhält. Das fällt übrigens auf: Die NZZ hat ihren Relaunch auf allen Kanälen zelebriert, an der Werdstrasse gings weit leiser zu und her. Einzig der Verleger greift heute zur Feder mit einer Bekenntnis zur „Qualität.“ Aus der Chefredaktion (Eisenhut/Strehle) ist nur ein kurzes „In eigener Sache“ zu lesen. Man sei „noch näher dran an der Lebenswirklichkeit seiner Leserinnen und Leser.“

Natürlich erinnert das an den Guardian und an andere renommierte Zeitungen; man darf nun gespannt sein ob die „Tages Anzeiger“ – Klientel, die anderes gewohnt war, diese Veränderungen annimmt. Bei den NZZ-Leser, denen nun eine gepflegt – luftige Variante ihres Leibblattes vorgesetzt wurde, hätte ich da weniger Bedenken. Vereinfachend gesagt: Der neue „Tages Anzeiger“ könnte (optisch) auch die neue NZZ sein.

Diese Neupositionierung des TA dürfte wohl das Resultat einer Gesamtbetrachtung sein: Einfache, kurze journalistische Kost bekommt man auf dem Ausflugdampfer „20 Minuten“ vorgesetzt, auf den Schnellbooten „News“ und  Newsnetz das Fast Food (mit Boulevard garniert) und auf dem Flaggschiff „Tages Anzeiger“ die mehrgängigen Menüs, also eher schwere Kost.

Schliesslich 1: Es kommt – bei aller Liebe zur Präsentation – auf den Inhalt an. Und wir werden sehen, wie sich das bei der NZZ und dem TA entwickelt. Die neuen graphischen und inhaltlichen Konzeptionen sind bei beiden überzeugend und – glücklicherweise – höchst unterschiedlich.

Schliesslich 2: Beide Verlage werden versuchen müssen, mit weniger Mitteln mehr zu leisten. Sie haben öffentlichkeitswirksam Sparübungen in gesteigerte Qualität und grösseren Lesernutzen umgemünzt. Das gilt nicht zuletzt für die reduzierten Umfänge und das Zurückrudern bei der Regionalisierung des „Tages Anzeigers.“

Der neue Tages Anzeiger

Der neue Tages Anzeiger

27. September 2009

Bei der Lektüre der Sonntagszeitungen… oder wenn wenig los ist, werden die Redaktionen kreativ

Heute fehlt eigentlich die Zeit, eine Blattkritik zu den Sonntagszeitungen zu schreiben: Die Redaktion wartet auf den Kommentar zum Wahlausgang in Deutschland und jetzt muss noch die Berliner Runde geschaut werden. Daher nun – ganz gerafft – ein paar (auffällige) Auszüge aus den Sonntagsblättern.

Das wird ja lustig: GPS in den Autos der Schweizer Prominenz, um deren Fahrweise per Big Brother zu überwachen.

Das wird ja lustig: GPS in den Autos der Schweizer Prominenz, um deren Fahrweise per Big Brother zu überwachen.

Sonntagszeitung: Ein Kauf entpuppt sich... hmmm?

Sonntagszeitung: Ein Kauf entpuppt sich... hmmm?

Exklusiv in der Sonntags Zeitung: Gegen die Fallpauschalen...

Exklusiv in der Sonntags Zeitung: Gegen die Fallpauschalen...

Exklusiv in der NZZ am Sonntag: Die Probleme der SBB...

Exklusiv in der NZZ am Sonntag: Die Probleme der SBB...

Sparen in den Redaktionen? Byline in der Sonntagszeitung...

Sparen in den Redaktionen? Byline in der Sonntagszeitung...

Und so gewichtet heute die Sonntagszeitung...

Und so gewichtet heute die Sonntagszeitung...

So gewichtet der Sonntag: Miss Schweiz seitenhoch...

So gewichtet der Sonntag: Miss Schweiz seitenhoch...

Der Sonntagsblick hatte es heute einfach...

Der Sonntagsblick hatte es heute einfach...

Die NZZ macht mit der SBB - Geschichte auf... oder: gute Tage für den Leser sind Tage, an denen nichts los ist. Dann werden die Redaktionen kreativ.

Die NZZ macht mit der SBB - Geschichte auf... oder: gute Tage für den Leser sind Tage, an denen nichts los ist. Dann werden die Redaktionen kreativ.

Z Volksmund

Was macht der Volksmund?

Z Res Strehle

Der Co-Chefredaktor des Tages Anzeiger Res Strehle geht hart mit seinem Vorgänger ins Gericht.

So sieht der neue Tages Anzeiger aus: rechts...

So sieht der neue Tages Anzeiger aus: rechts...

Y Superbild

Das schönste Bild des Tages: aus der NZZ am Sonntag